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Russland : Zeltlager der Unerwünschten

  • -Aktualisiert am

Korruption erschwert Regelung der Arbeitsimmigration

Die Behörden, die Polizei insbesondere, präsentierten sich bislang als Spezialtruppe für das Durchgreifen gegen Migranten, sonnten sich im Glanz breiter Zustimmung in der Bevölkerung. Russische Nationalisten organisierten eigene Razzien gegen die „Schwarzärsche“ - ein populärer Sammelbegriff für Asiaten und Kaukasier - in Moskau und Sankt Petersburg. Siebzig Prozent der Russen sind laut einer aktuellen Umfrage überzeugt, ihr Land habe keinen Nutzen von den Einwanderern. Zugleich häufen sich Berichte über korrupte Ordnungshüter, die illegale Einwanderer gegen entsprechende Zahlungen laufenlassen. Am Mittwoch wurden zwei Moskauer Polizisten als Verräter an den Interessen der Polizei und Mütterchen Russlands ganz offiziell gebrandmarkt. Dass es Regierung und Behörden bisher nicht gelungen ist, die Arbeitsimmigration zu regeln, liegt in hohem Maße an diesen korrupten Polizeibeamten und Kontrolleuren vom Migrationsdienst. Oft stecken auch die Arbeitgeber der illegalen Gastarbeiter mit den Beamten unter einer Decke. Nicht selten werden Einwanderer als Sklavenarbeiter ausgenutzt. Vielfach verweigert man ihnen den Lohn und hält sie ohne Papiere als gefügige Geiseln. Über diese Zustände wird seit Jahren immer wieder in der Öffentlichkeit debattiert, ohne dass sich etwas ändert.

Aber wenn an diesem Donnerstag nach dem Namas-Gebet das Fastenbrechen der Muslime am Ende des Ramadan beginnt und wie üblich Zehntausende zum Gebet zur viel zu kleinen Moskauer Hauptmoschee aufbrechen, besteht die Chance für die Polizei, sich in den Augen vieler Moskauer zumindest ein wenig zu rehabilitieren. Wer beten komme, schrieben die Zeitungen am Mittwoch unter Berufung auf die Polizei, solle am Donnerstag seinen Pass mitbringen. Damit ist die Kontrolle der Gläubigen immerhin angekündigt worden. Vielleicht hofft die Polizei zum Abschluss des Fastenmonats auf reiche Beute - und für die Behörde selbst wieder auf mehr öffentliche Zustimmung. Wahrscheinlich würde es viele Anwohner schon freuen, wenn aus Angst vor Ausweiskontrollen die muslimischen Illegalen aus Zentralasien sowie aus dem russischen und dem nichtrussischen Kaukasus zu Hause blieben und den Namas in Untergrundmoscheen oder heimlichen Gebetsstuben vor den Augen von Agenten des Inlandsgeheimdienstes FSB absolvierten. Denn dann blieben wenigstens die Straßen um die Hauptmoschee herum passierbar, die bei ähnlichen Gelegenheiten mit dicht an dicht gedrängten Menschen auf Gebetsteppichen verstopft sind.

Verschärfung der Migrationspolitik

An hohen Feiertagen der Muslime sieht es dort bereits jetzt so aus, wie sich einige Demographen die Zukunft ganz Russlands in einigen Jahrzehnten vorstellen, sollte die Immigration - legal oder nicht - weiter zunehmen. Russen würden dann zur Minderheit.So weit will es der Bürgermeisterkandidat des Machtkartells um Putin, Sergej Sobjanin, in Moskau nicht kommen lassen. Er hatte schon Anfang Juni zum Auftakt seines Wahlkampfes gesagt, dass Moskau eine russische Stadt bleiben müsse, und er hat eine Verschärfung der Migrationspolitik angekündigt, damit die Metropole nicht in die Hände von Usbeken oder Tadschiken falle. Erste Aktionen der gegenwärtigen Kampagne begannen bereits im Juni. Der Angriff eines Mannes aus der kaukasischen Teilrepublik Dagestan auf einen Polizisten Ende Juli empörte die Öffentlichkeit und gab der Hatz auf Einwanderer weiteren Rückenwind. Ob das Land auf die billigen Fremdarbeiter tatsächlich leicht verzichten könnte, wie Nationalisten behaupten, wird von vielen Wirtschaftsfachleuten jedoch bestritten.

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