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Gedenken in Russland : Stahltafeln für Stalins Opfer

Letzte Adresse: Gedenktafeln in der Dolgorukowskaja Straße in Moskau Bild: AFP

Die Initiative „Letzte Adresse“ will eine neue Erinnerungskultur etablieren. Vorbild sind die „Stolpersteine“ des deutschen Künstlers Demnig. Doch in Russland läuft ein solches Projekt der herrschenden Ideologie zuwider.

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          Über David Samulowitsch Guterman ist nicht viel bekannt. 1888 in Polen geboren. Jude. Ausbildungsniveau laut Akten „niedrig“. Zuletzt wohnhaft in Moskau, in einem Genossenschaftshaus in der Innenstadt. Am 30. September 1937 wurde Guterman verhaftet, am 3. November desselben Jahres verurteilt wegen „Mitgliedschaft in einer Spionage-, Zersetzungs- und Terrororganisation“. Noch am selben Tag erschossen. Guterman ist eines von Zehntausenden Opfern des stalinistischen Terrors allein in Moskau. Natürlich ist er nicht namenlos, wie es oft heißt – sein Name taucht auch in den Akten der Nichtregierungsorganisation Memorial auf, die das Andenken an die Opfer wachhält. Aber er war vergessen. Bis zur vorigen Woche.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Seither hängt an Gutermans letzter Adresse in der dritten Twerskaja-Jamskaja-Straße 29/6 in Moskau eine kleine silberfarbene Tafel aus Stahl, zehnmal 17 Zentimeter groß. Auf der linken Seite ist ein Feld ausgestanzt, als fehle dort ein Passfoto. Das Design hat eine Initiative von russischen Bürgern gewählt, die mit Memorial zusammenarbeitet und ihr Gedenkprojekt schlicht „Letzte Adresse“ genannt hat.

          Seit Ende November hängen die Freiwilligen an Moskauer Häusern solche Tafeln auf. Es steht auf allen „Hier lebte“, gefolgt von Namen und Geburtsjahr, Beruf (bei Guterman steht indes nur „Genossenschaftsmitglied“), Datum der Verhaftung und der Erschießung, Jahr der Rehabilitierung (in seinem Fall 1956). Von „politischer Repression“, wie die Massenmorde in Russland genannt werden, steht nichts auf den Tafeln. Das ist aber auch nicht nötig. Denn der Hinweis auf die Rehabilitierung und das Jahr der Verhaftung reichen schon aus, damit „alle verstehen“, um was es hier gehe.

          An die kleinen Leute wird kaum erinnert

          So erläutert es Sergej Parchomenko, Journalist und Initiator von „Letzte Adresse“. Vor dem unscheinbaren Haus, in dem Guterman zuletzt wohnte – in Wohnung Nummer 8 –, haben sich zuletzt rund dreißig Leute im Schneetreiben versammelt. Eine Frau, die in dem Haus wohnt, erklärt, sie wohne in Nummer 10. Die Gedenktafel hat der Hausbesitzer bestellt. Ein Mitstreiter Parchomenkos schraubt die Stahltafel an die Hauswand. Dann ergreift der Initiator das Wort.

          Er hoffe, das hier eine „Bewegung“ beginne, sagt Parchomenko, dass die Leute, die hier wohnten, ihren Eltern und Freunden davon erzählen. „Das ist der Beginn einer sehr großen Geschichte.“ Das ist zwar bislang eine Hoffnung – aber nicht übertrieben. Denn an die „kleinen Leute“, die millionenfach Opfer des Terrors wurden, wird bislang in Russland kaum erinnert. Und noch eines ist wichtig: das Wort „erschossen“. Denn auch auf Gedenktafeln, die an Fassaden an Regisseure, Künstler, Ingenieure erinnern, die dort einst lebten, fehlt die Information, dass sie vom Regime ermordet wurden, wie der Historiker Arsenij Roginskij erläutert, der Leiter von Memorial.

          Viele von denen, die gekommen sind, haben selbst Verwandte im Staatsterror verloren. Zum Beispiel eine alte Frau im schwarzen Pelzmantel. Sie erzählt, ihr Vater sei 1938 in Nischnij Nowgorod verhaftet und erschossen worden. Damals sei sie zehn Monate alt gewesen. Jedes Jahr gehe sie nun für ihn „zur Lubjanka“. Dort, vor der Geheimdienstzentrale im Zentrum von Moskau, lesen alljährlich Tausende Menschen am 29. Oktober die Namen ihrer Verwandten vor, die Opfer der „Repressionen“ wurden. Den gleichen „herzzerreißenden Effekt“ solle auch das Tafel-Projekt haben, sagt Parchomenko: Es solle zeigen, dass nicht nur „VIPs“ Opfer wurden, sondern ganz normale Leute.

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