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Russland : Ein Balanceakt der Seilschaften

Bei Putins Entscheidung, Chodorkowskij freizulassen, dürften außenpolitische Erwägungen – etwa im Hinblick auf die olympischen Spiele in Sotschi – eine zentrale Rolle gespielt haben. Aber sicher hat er damit auch einem für ihn gefährlichen Machtkampf in seiner Umgebung eine Spitze genommen. Seit er Anfang 2000 Präsident wurde, hat Putin immer verschiedene Seilschaften im und um den Kreml gegeneinander ausbalanciert. Dabei achtete er darauf, dass keine Seite zu stark wurde – er blieb der über den Parteiungen stehende Schiedsrichter. Sobald ein Clan dauerhaft die Oberhand gewänne, wäre Putin in Gefahr, von diesem abhängig zu werden. In den ersten anderthalb Jahren nach seiner Wiederwahl hatten durch die Repressionen gegen Opposition und Zivilgesellschaft die Hardliner aus Geheimdienst, Sicherheitskräften und Justiz, zu denen auch Setschin gezählt wird, ihren Einfluss ausgebaut. Offenbar versucht Putin nun, diese Gruppe in die Schranken zu weisen. So wurde in Russland auch schon im Sommer das Hin- und Her um die Strafverfahren gegen den Oppositionsführer Alexej Nawalnyj und dessen Zulassung zu den Bürgermeisterwahlen in Moskau interpretiert.

Putin muss Chodorkowskij nicht fürchten

Dass Chodorkowskij ihm politisch gefährlich werden könnte, muss Putin nicht fürchten. Auch wenn der Oligarch durch seine aufrechte Haltung im Gefängnis viel Ansehen gewonnen hat, ist er in den Augen der meisten Russen doch noch immer vor allem einer jener Männer, die sich bei den Privatisierungen der neunziger Jahre auf Kosten der Allgemeinheit skrupellos bereichert haben. Auch für den liberalen, demokratisch und westlich orientierten Teil der russischen Gesellschaft, der sich später für seine Freilassung einsetzte, war Chodorkowskij Ende der neunziger Jahre ein Gegner. Die „Nowaja Gaseta“, das Hauptorgan der Opposition gegen Putin, lieferte sich damals eine erbitterte juristische Auseinandersetzung mit Chodorkowskij wegen Artikeln, in denen sie ihm – recht schlüssig – die Verstrickung in zwielichtige Geschäfte vorgeworfen hatte.

Die Wandlung des Bildes Chodorkowskijs vom Räuberbaron zum aufgeklärten Unternehmer und Mäzen hatte allerdings schon begonnen, bevor sein Konflikt mit Putin in die entscheidende Phase trat. Als erster der Oligarchen der neunziger Jahre holte Chodorkowskij Anfang des neuen Jahrhunderts westliche Manager in seinen Konzern, die mit unabhängigem Audit und Controlling transparentere Strukturen schaffen sollten. Zudem rief er damals eine Stiftung ins Leben, die in ganz Russland Bildungsprojekte und zivilgesellschaftliche Organisationen förderte. Er selbst sagte damals, er habe in 15 Jahren durchgemacht, wofür die Rockefellers drei Generationen gebraucht hätten: Die erste Generation sei nach den Gesetzen der Wildnis reich geworden, die zweite Generation habe gelernt, sich an Gesetze zu halten, in der dritten seien sie zu bedeutenden Förderern von Kultur und Bildung geworden.

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