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Russland als G8-Mitglied : Am Anfang stand der Katzentisch

Der britische Premierminister John Major begrüßt den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow 1991 in London Bild: picture-alliance/ dpa

Die G8-Staaten gehen auf Distanz zu einem Partner, der Europa in eine geopolitische Krise gestürzt hat. Aber vielleicht fühlt sich der russische Präsident Putin in der isolierten Lage ja besonders wohl. Eine Analyse.

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          Vor ein paar Tagen erst sind die Olympischen Spiele in Sotschi zu Ende gegangen, im Juni soll dort das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der sogenannten G8 stattfinden. Aber unter dem Eindruck des russischen Vorgehens auf der Halbinsel Krim haben sich jetzt die sieben westlichen Regierungen – die alte G7 – und die Spitzen der Europäischen Union dazu entschlossen, das Vorbereitungstreffen auf die Gipfelkonferenz zu boykottieren. Sie wollen damit der Führung in Moskau signalisieren, wie sehr sie über das Vorgehen Russlands und die Verletzung der Souveränität der Ukraine empört sind.

          G 8 als internationales Forum für Dialog mit Moskau

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Die Frage ist nur, ob sich Präsident Putin von dieser Missbilligung und der Isolierung beeindrucken lässt und ob ausgerechnet diese Boykottmaßnahme tatsächlich sinnvoll ist. Denn da es nicht viele Foren gibt, in denen ein institutionalisierter Dialog zwischen Russland und dem Westen möglich ist, gibt es westliche Politiker, die genau dieses Kanal offenhalten wollen.

          Und zwar auch deshalb, weil anders als die G7, die im Kern ein makroökonomisches und währungspolitisches Koordinationsgremium der führenden westlichen Industrienationen war und noch immer ist, hat sich die Gruppe der acht gerade in den vergangenen Jahren verstärkt mit Themen der internationalen Sicherheit befasst; im vergangenen Jahr etwa mit der Lage in Syrien, bei welcher Gelegenheit Präsident Putin als zynischer Fürsprecher des syrischen Diktators Assad auftrat.

          Kohl knüpfte die neue Partnerschaft nach dem Kalten Krieg

          Dass Russland überhaupt Mitglied im Kreis des alten, 1975 auf Initiative Helmut Schmidts und Giscard d‘Estaings in Leben gerufenen Steuerungszentrums geworden ist, hängt mit dem Kalten Krieg zusammen, genauer gesagt: mit dessen Ende. Es war vor allem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der kein Salz in die Wunde erst der Sowjetunion und dann Russlands reiben, sondern neue Partnerschaften knüpfen wollte. Es ging um eine Art weltpolitische Inklusion, um neue Möglichkeiten und Gemeinsamkeiten.

          Im deutschen Falle ging es sicherlich auch um Dankbarkeit für die Rolle der damaligen Sowjetunion unter Führung Gorbatschows. Eine Rolle, von der die Partner Kohls, der die Einbeziehung Russlands auch als Anerkennung der Rolle bei der Überwindung der Teilung Deutschlands verstanden wissen wollte, nicht annähernd so bewegt waren. Auf dem G-7-Treffen 1991 in London saß der damalige sowjetische Präsident Gorbatschow noch am Katzentisch; er wurde hinzu gebeten, als die anderen „ihre“ Themen abgearbeitet hatten.

          Stets Vorbehalte im Westen gegen Vollmitgliedschaft

          Ein Jahr später, in München, war Gastgeber Kohl dann besonders um den russischen Präsidenten Jelzin bemüht. Dessen auch damals noch weitgehend symbolische Teilnahme war mit der Aussicht auf eine spätere „Vollmitgliedschaft“ verbunden. Dazu kam es 1998.

          Von Anfang an wurden gegen eine „gleichberechtigte“ Mitgliedschaft Russlands Einwände vorgebracht: eine andere wirtschaftliche Verfassung, eine ungefestigte politische Ordnung, eine Wertebasis, welche mit der des Westens nicht hinreichend kompatibel sei. Russland war und ist das „odd land out“.

          Das bestätigt sich in diesen Tagen. Wenn es allein um die wirtschaftliche Bedeutung ginge, gehörte China viel eher in diesen Kreis, denn es ist für die Weltwirtschaft ungleich wichtiger. Und natürlich war und ist Russland keine Industrienation wie Japan oder Deutschland. Deswegen ist seine Teilnahme um so mehr von Belang, wenn über außen- und sicherheitspolitische Themen ein gemeinsames Vorgehen verabredet werden soll. Das war jedenfalls bislang die herrschende Meinung, zum Beispiel in Berlin. Kohl hatte es vor mehr als zwanzig Jahren gut gemeint. Aber es wurde unterschätzt, dass sich Russland niemals so dem Westen angleichen wollte, wie viele sich das damals erhofft hatten.

          Und so gehen Amerika, Großbritannien und die anderen nun auf Distanz zu einem G8-Partner, der laut Außenminister Hague Europa in die größte geopolitische Krise dieses Jahrhunderts gestürzt hat. Aber vielleicht fühlt sich Präsident Putin in der isolierten Lage ja besonders wohl, dann braucht er erst recht keine diplomatischen Rücksichten mehr zu nehmen.

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