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Sanktionen gegen Russland : Auf eine Tasse Tee nach Südkarelien

  • -Aktualisiert am

Eine kleine Stadt, die viele Gäste erwartet: Lappeenranta lebt von den russischen Besuchern, die über die nahegelegene Grenze einreisen. Bild: Colourbox.com

Im Südosten Finnlands freuen sich die Händler über die Rückkehr der russischen Kunden. Mehr noch als unter Sanktionen und Gegensanktionen haben sie unter der schwachen Kaufkraft der Nachbarn zu leiden.

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          Ein wenig wundert sich der freundliche Leiter der Handelskammer im finnischen Südkarelien über den plötzlichen Ansturm der Medien. Erst kamen die Journalisten aus der Hauptstadt Helsinki angereist, und nun sitzen sogar ausländische Reporter in seinem kleinen Büro in der Stadt Lappeenranta. So dramatisch sei die Lage doch nun auch wieder nicht, sagt Mika Peltonen. Er trägt bequeme Korklatschen zur Anzughose und führt geduldig durch eine Reihe von Grafiken und Statistiken auf seinem Computerbildschirm.

          Warum sich auch die europäischen Nachbarn dafür interessieren, wie es den Mitgliedsunternehmen seiner Handelskammer geht, weiß Peltonen natürlich schon. Südkarelien liegt an der Grenze zu Russland. Der nächste Grenzkontrollpunkt in Nuijamaa ist nicht einmal dreißig Kilometer entfernt, bis Sankt Petersburg sind es zweihundert Kilometer. Die Auswirkungen der EU-Sanktionen gegen Russland und die der russischen Gegensanktionen in Form von Einfuhrverboten für bestimmte Lebensmittel (Fleisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse) kann man kaum irgendwo so deutlich sehen wie an den Lastwagenschlangen bei Nuijamaa. Die sind im vergangenen Jahr deutlich kürzer geworden.

          Viele spüren negative Folgen der Sanktionen

          Wenn Peltonen sagt, dass die Lage nicht so dramatisch sei, dann meint er damit, dass die Nahrungsmittelexporte nur rund zehn Prozent der gesamten finnischen Exporte nach Russland ausmachten. Dabei handelt es sich vor allem um Milchprodukte. Die meisten der ausgeführten Industriegüter und Chemieerzeugnisse stehen nicht auf Sanktionslisten. Aber die Exporteure bekommen es zu spüren, wenn Russlands Wirtschaft leidet. In Südkarelien sitzt außerdem ein großer Teil der finnischen Holzindustrie. Die hat viele eigene strukturelle Sorgen, ist jedoch von Sanktionen nicht betroffen.

          Spürbar sind die Folgen der Brüsseler Sanktionspolitik trotzdem. Peltonens Handelskammer hat im Februar mehr als 1600 Unternehmen aus der Region befragt, ob sie die Sanktionen spüren. Dreißig Prozent antworteten, sie merkten keinen Effekt, 28 Prozent sprachen von einem direkten negativen Effekt auf ihre Geschäfte und 43 Prozent von einem indirekten negativen Effekt.

          Doch obwohl sie darunter leiden, unterstützen die meisten Unternehmer die Sanktionen gegen Russland. 46 Prozent der Befragten sagten, die aktuellen Sanktionen seien in Ordnung, 33 Prozent könnten sich sogar noch strengere Sanktionen vorstellen. Das ist bemerkenswert in einem kleinen Land, das 1300 Kilometer Grenze mit dem großen russischen Nachbarn teilt, das sich stets um gute Beziehungen bemühte und dem zu Sowjetzeiten der Balanceakt der Neutralität gelang.

          Lappeenranta von russischer Reisefreude abhängig

          Seit die russischen Nachbarn relativ problemlos Visa mit mehrfacher Einreisemöglichkeit für zwei Jahre bekommen und reisen dürfen, hat man sich im finnischen Grenzgebiet auf sie eingestellt. Lappeenranta, eine Stadt von gut 70.000 Einwohnern, die sich breit am Ufer einer weitläufigen Seenplatte entlangzieht, hätte keine sieben großen Einkaufszentren und bei weitem nicht so gewaltige Supermärkte, wenn man nicht an jedem Wochenende mit mehreren Tausend russischen Kunden rechnete.

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