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Sanktionen gegen Russland : Auf eine Tasse Tee nach Südkarelien

  • -Aktualisiert am

Ein syrischstämmiger Unternehmer hat den Laden vor eineinhalb Jahren eröffnet. Er hatte einen Hauch von Luxus auf den Parkplatz zaubern wollen. Doch statt teurer Kleider, Handtaschen und Stöckelschuhe finden sich drinnen nun vor allem bunte Frühlingshosen für zwanzig Euro und beigefarbene Herrensakkos zum selben Preis.

Lappeenranta auch Stadt der Industrie

Im schuhkartongroßen Büro des Marktmanagers Jari Palomäki hängen Rabattwerbezettel an der Pinnwand. Im vergangenen November, nur ein Jahr nach der Eröffnung, haben sie fünfzig Prozent Rabatt auf alles geben müssen, im Februar dann sogar siebzig Prozent. „Wir mussten unsere großen Lagerbestände ja irgendwie loswerden“, sagt Palomäki. Aber ein profitables Geschäft sei das wirklich nicht gewesen. Nun wo der Frühling komme, sich die Lage in der Ukraine beruhigt habe und der Rubel endlich wieder etwas steige,wolle er zur eigentlichen Strategie, dem Luxussegment, zurückkehren. „Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag sehen wir mehr Kunden“, sagt Palomäki. Es sind trotzdem nur eine Handvoll im ganzen großen Geschäft an diesem Freitagnachmittag.

Lappeenranta ist trotz der Flut von Einkaufszentren und Wechselstuben nicht nur eine Stadt des Handels, sondern auch eine der Industrie und technischen Ausbildung. Die technische Universität von Lappeenranta wurde vom britischen Magazin „Times Higher Edcuation“ unter die dreihundert besten Universitäten der Welt gewählt. Auf dem grünen Campus am Seeufer studieren fünftausend Studenten und forschen unter anderem zu erneuerbaren Energien.

Finnlands Präsident Niinistö ist optimistisch

Auch russische Austauschstudenten aus den besten Hochschulen des Nachbarlandes kommen nach wie vor nach Lappeenranta. Professor Juha Väätänen, der russische Wirtschaft unterrichtet, ist froh, dass diese akademische Zusammenarbeit ungeachtet der Sanktionen und politischen Verstimmungen weitergeht. In vielen anderen Bereichen sei das schwieriger, sagt er. „Ich bin eher pessimistisch, was die dringend nötigen Strukturreformen der russischen Wirtschaft angeht.“ Fast alle Bemühungen in Richtung einer Modernisierung seien versandet. Nach wie vor hänge Russland in erster Linie am Ölpreis. Das setze auch den Kooperationsmöglichkeiten enge Grenzen.

Finnlands Präsident Sauli Niinistö will das optimistischer sehen. Als er im Januar eine Rede an der Universität in Lappeenranta hielt, sprach er davon, dass diese Stadt und die Region die Vorreiterrolle für die guten und fruchtbaren Beziehungen zum russischen Nachbarn spielen solle. Ähnliche Töne hatte der russische Präsident Wladimir Putin angeschlagen, als er 2010 auf dem gemeinsamen Innovationsforum von Russland und der EU in Lappeenranta sprach. Er versprach damals, Hindernisse für den Austausch junger Technologien zu beseitigen. Doch seitdem ist viel geschehen. Das vierte Innovationsforum, das für Juni 2014 geplant war, ist ausgefallen, weil sich nicht genügend Teilnehmer fanden.

Im schmucklosen Zentrum von Lappeenranta mit seinen höchstens vierstöckigen Gebäuden zeugt unterdessen der Lärm von Presslufthämmern von ungebrochener Aufbruchstimmung. Ein altes Einkaufszentrum soll renoviert werden, zweihundert Meter weiter entsteht ein ganz neues. Die Bauarbeiter kommen allesamt aus Estland. Man hätte die lange geplanten Projekte ja nicht so einfach stoppen können, sagt Peltonen. Und davon abgesehen glaube man in der Region durchaus an eine massenhafte Wiederkehr der russischen Kunden. Es hänge eben alles am Rubel.

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