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Sanktionen gegen Russland : Auf eine Tasse Tee nach Südkarelien

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Weil der Rubel in den vergangenen Monaten mit dem fallenden Ölpreis rasant an Wert verlor, konnten sich viele der russischen Tagestouristen den Einkaufstrip in die EU allerdings nicht mehr leisten. Die Zahl der Grenzübertritte sank zu Jahresbeginn, als man für einen Euro noch hundert Rubel zahlen musste, um mehr als ein Drittel. In Lappeenranta und den anderen Städten Südostfinnlands ist der aktuelle Rubelkurs seitdem das Gesprächsthema Nummer eins.

Geschäftsleute schauen mehrmals am Tag nach, wie der Rubel steht. Und seit er wieder gestiegen ist, herrscht in Südkarelien vorsichtiger Optimismus. Am vorvergangenen Wochenende, auch diese Zahlen kennt jeder in Lappeenranta, zählten die Grenzer wieder mehr als 7000 Besucher. Das war ein Rekord.

Russische Touristen kommen wieder

Es sind Leute wie Olga und Swetlana aus Sankt Petersburg, zwei Musiklehrerinnen in ihren Vierzigern, die nun wieder nach Finnland reisen. Sie sind im Morgengrauen in einen Bus gestiegen und drei Stunden bis Lappeenranta gefahren, um nun gut vier Stunden lang durch die Märkte auf einem großen Parkplatz vor den Toren der Stadt zu hetzen, bevor es wieder zurück in die Heimat geht.

Die Fahrt kostet sie hin- und zurück weniger als zehn Euro. Sie haben diesen Ausflug schon einige Male unternommen. „Die Reise ist für uns immer ein bisschen wie ein Urlaub“, sagt Swetlana. Man fühle sich irgendwie anders hier. Die Luft sei auch viel besser.

Im Lidl-Supermarkt stehen die beiden Frauen vor den Nüssen und Trockenfrüchten – und natürlich vor dem Kühlregal. Einige Packungen Mozzarella nehmen sie mit. Nicht, weil es den zu Hause nicht gäbe, klärt Swetlana auf. „Es gibt eigentlich nach wie vor alles bei uns, es ist nur sehr sehr teuer geworden.“ Manche europäischen Produkte gelangen über Drittstaaten wie Weißrussland in die russischen Supermärkte, manche stellen Unternehmen aus der EU, wie der finnische Milchkonzern Valio, auch in Russland selbst her.

Wenig Andrang: Russische Touristen stehen am Grenzpunkt in Nuijamaa in Finnland. Die EU-Sanktionen wurden hier besonders deutlich sichtbar.

Den Grund für die Sanktionen und „diese ganze Feindseligkeit“ gegenüber ihrem Präsidenten Wladimir Putin können die beiden Frauen aus Sankt Petersburg nicht verstehen. Aber über Politik sprächen sie mit den Verkäufern in Lappeenranta ohnehin nicht, wegen der Sprachbarriere – und weil beide Seiten das Thema aus Höflichkeit umschifften.

Bei einer Tasse schwarzem Tee im Café eines Einkaufszentrums für Spielwaren packen die Musiklehrerinnen ihre noch in Petersburg geschmierten Stullen aus. Olga bricht ein Stück Schwarzbrot mit gelbem Schnittkäse ab. „Probieren Sie einmal. Unser russischer Käse ist auch nicht so schlecht, wie alle sagen.“ Dann müssen sie eilig zusammenpacken und zum Bus eilen. Es wird dunkel.

Die golden verzierte Halle in der Nähe ihres Busparkplatzes haben Olga und Swetlana vor ihrer Abreise keines Blickes gewürdigt. Sie kauften in Finnland grundsätzlich keine Kleidung, sagt Swetlana, die einen taillierten Mantel mit voluminösem Pelzkragen trägt. Frauensachen seien hier fürchterlich unweiblich geschnitten. Dabei will das golden strahlende Modegeschäft „Grande Orchidée“ insbesondere den russischen Kundinnen etwas Passendes bieten.

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