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Russische Opposition : Angst um Leib und Leben

Ermordeter Putin-Gegner: Gedenken an Boris Nemzow, der im Februar erschossen worden war. Bild: AP

Ein Gegner des russischen Präsidenten liegt im künstlichen Koma. Eine Bestätigung für den Verdacht der Vergiftung gibt es bislang nicht. Aber schon die Reaktion auf den Fall zeigt, wie groß die Angst der verbliebenen Opposition gegen Wladimir Putin ist.

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          Nach einem, so die erste Diagnose, plötzlichen Fall von Nierenversagen liegt ein Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem Moskauer Krankenhaus im künstlichen Koma. Rasch wurde vermutet, dass eine Vergiftung dahinter stecken könnte. Eine Bestätigung dafür gibt es bislang nicht. Aber schon die Reaktion auf den Fall zeigt, wie groß die Angst der verbliebenen Opposition gegen Präsident Wladimir Putin ist.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Patient ist der 33 Jahre alte Wladimir Kara-Mursa, ein Journalist, Aktivist der Partei RPR-Parnass des Ende Februar ermordeten Boris Nemzow und Koordinator der Plattform „Offenes Russland“ von Michail Chodorkowskij. Er unterhält überdies gute Kontakte in die Vereinigten Staaten und vereint in seiner Person somit alles auf sich, was aus Sicht der russischen Staatsmedien einen Volksverräter ausmacht. Kara-Mursa wurde nach jähem Unwohlsein am Dienstag vergangener Woche ins Krankenhaus eingeliefert. Der Vater des Aktivisten, der ebenfalls Wladimir Kara-Mursa heißt, sagte unmittelbar danach, die Ärzte hätten den Verdacht, dass sein Sohn vergiftet worden sein könnte. Bald darauf fügte er aber hinzu, die Ärzte hätten ihm auf seine Frage, ob ein Verbrechen vorliege, gesagt, alles sei möglich, auch eine Vergiftung durch verdorbenes Obst. Jewgenija Kara-Mursa, die in den Vereinigten Staaten lebende Frau des Aktivisten, äußerte in der Zeitung „New York Times“ ebenfalls den Verdacht, dass ihr Mann vergiftet worden sein könnte. „Im heutigen Russland kann alles passieren.“ Ihr Mann habe keine Medikamente genommen und sei guter Gesundheit gewesen. Dagegen meldete das russische Propagandaportal Lifenews, im Blut Kara-Mursas seien Antidepressiva nachgewiesen worden, deren Gebrauch Nierenversagen nach sich ziehen könne. Der Leitende Arzt des Krankenhauses sagte hingegen, Kara-Mursa leide höchstwahrscheinlich an Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und beider Lungenflügel.

          Der Verdacht, der Oppositionelle könnte vergiftet worden sein, knüpft an die Umstände des Todes weiterer Russen in den vergangenen Jahren an. Allen voran an die Polonium-Vergiftung des früheren KGB-Agenten Alexander Litwinenko in Großbritannien 2006. Ein 2012 ebenfalls in Großbritannien verstorbener Geschäftsmann, der Zeuge eines Steuerbetrugs durch hohe russische Beamte war, wurde laut britischen Berichten mit einem Pflanzenschutzmittel vergiftet. „Offenes Russland“ hat erst in der vergangenen Woche einen Film über das Regime Ramsan Kadyrows in Tschetschenien veröffentlicht, wohin die Spuren im Mordfall Nemzow führen. Kara-Mursa war auch an dem Bericht „Putin. Krieg“ beteiligt, dem Vermächtnis Nemzows, das Berichte über die Präsenz russischen Militärs in der Ostukraine sammelt. Die Räumlichkeiten von „Offenes Russland“ in Moskau wurden im vergangenen Monat durchsucht, etliche Computer beschlagnahmt.

          Der Leitende Arzt trat Erwägungen der Familie, Kara-Mursa ins Ausland zu verlegen, entgegen: Der Patient sei nicht transportfähig. Dessen Vater sagte Ende voriger Woche, in den Proben, die man bisher entnommen habe, deute bisher nichts auf einen kriminellen Hintergrund hin. Aber er verstehe, dass alle daran denken.

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