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Roma-Vertreibungen in Ungarn : Nummern, keine Namen

Béla Horváth (vorne) von der Roma-Selbstverwaltung in Miskolc Bild: Daniel Pilar

Im ungarischen Miskolc geht die Verwaltung drastisch gegen Roma vor. Sie vertreibt sie aus ihren Wohnungen. Und lässt ihnen nur die Hoffnung auf Kanada.

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          „Wir gehen jetzt rein“, sagt ein vierschrötiger Glatzkopf mit Erkennungsmarke um den Hals. Er ist der Anführer eines Trupps von vier ziemlich wohlgenährten kommunalen Ordnungshelfern in gelben Signalwesten, die durch die sogenannten numerierten Straßen patrouillieren wollen. Diese Straßen bilden ein Viertel am Rande von Miskolc, einer 160.000-Einwohner-Stadt im Nordosten Ungarns, in dem fast ausschließlich Roma leben. Dort haben die Straßen keine Namen, nur Nummern. Und auch damit soll es bald vorbei sein.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Im Sommer vergangenen Jahres beschloss der Stadtrat, die „Gettos und Slums“ von Miskolc zu beseitigen. Gemeint waren damit die numerierten Straßen. Angeblicher Grund dafür ist, dass Platz für eine moderne Fußball-Arena geschaffen werden soll, die auch für Europapokalspiele zugelassen ist, was den Bedarf eines geräumigen Bus-Parkplatzes einschließt. Nicht dass die Mannschaft von Miskolc an den Türen der Champions League rütteln würde: Der Diösgyöri VTC steht derzeit auf Rang sechs der ungarischen Liga. Aber man weiß ja nie. Tatsächlich sieht es vor allem so aus, dass die in Miskolc führende Fidesz-Partei die Roma aus der Siedlung einfach loswerden möchte. Es gibt Wegziehprämien, und wer mit Mietzahlungen für die stadteigenen Häuschen im Rückstand ist oder wessen Vertrag ausläuft, bekommt einen Räumungsbescheid.

          Bürgermeister Ákos Kriza drückt das so aus: „Die Mieter, die seit langer Zeit Mietrückstände aufhäufen, und Bewohner, die unrechtmäßig und illegal – also ohne Vertrag – dort wohnen, haben erkannt, dass die Geduld der Misklocer Bürger zu Ende ist. Die Stadt opfert keine weiteren Steuergelder für die Wohnungen solcher, die selbst nichts bereit sind zu tun.“ Die Zahl der Personen, die in den „Armutssiedlungen“ lebten, sei in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen, sagt der Fidesz-Politiker. Die Stadt wolle „der Probleme Herr werden, bevor es eskaliert wie in Paris oder São Paulo“. Deswegen habe man entschieden „noch rechtzeitig zu handeln“, auch wenn das mit Konflikten einhergehe.

          Miskolc: die „Siedlung der numerierten Straßen“

          Mit resignierten Gesten nach links und rechts geht Béla Horváth durch die schmuddeligen Gassen und weist auf Häuser ohne Fenster und Türen. Aus diesem Haus in der fünften Straße seien zwei Familien hinausgesetzt worden, schnarrt der kleine Mann mit dem dünnen Oberlippenbärtchen. Mária, deren Kinder schon aus dem Haus seien, sei zu ihrer Mutter in einen Vorort gezogen. Jenes Haus in der sechsten Straße habe ein alter Mann verlassen müssen, erst gestern. Jetzt sei er erst mal in einem Obdachlosenheim untergekommen. 36 Wohnungen seien inzwischen leer, 38 weitere sollten bis Ende April geräumt werden. Seit einem Monat könnten die Räumungen nicht mehr aufgehalten werden.

          Krisztiane erzählt, was es mit den leeren Öffnungen für eine Bewandtnis hat. Die Frau mit aufgemalten Brauen, strahlend blauen Augen und großen Ohrringen steht mit verschränkten Armen in der Tür zu ihrem Häuschen. Kaum dass die Leute ihrem Räumungsbescheid Folge geleistet hätten, so berichtet sie, lasse die Stadtverwaltung die Türen und Fenster samt ihren Rahmen herausreißen, damit die Häuser unbewohnbar werden. Noch sechzig Familien gebe es in der Siedlung, die mit ihrer Miete nicht in Rückstand seien und deren Mietvertrag noch nicht ausgelaufen sei. Der längste sei bis 2018 befristet. Diese Familien würden wohl an einer Ausschreibung für neue Wohnungen teilnehmen können. Wo die übrigen abgeblieben seien, wisse man zum Teil gar nicht.

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