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Roma in Südosteuropa : Bildung, Bildung, Bildung?

Schreiben lernen: Bulgarische Roma in einer EU-finanzierten Sommerschule in Berkowiza Bild: Getty

Die Misere der Roma in Südosteuropa lässt sich nicht allein durch einen regelmäßigen Schulbesuch ihrer Kinder lösen. Bildungsarmut und Ausgrenzung werden vererbt. Deshalb ist der Aufstieg langwierig und schwer.

          Gut ging es den bulgarischen Roma nie, aber es gab Zeiten, da ging es ihnen besser. „In der sozialistischen Diktatur stieg das Familieneinkommen der Roma, ihre Lebensbedingungen besserten sich. Ihr Bildungsniveau lag zwar immer noch unter dem anderer Bevölkerungsgruppen, aber weniger als zehn Prozent waren völlige Analphabeten“, sagt die bulgarische Bevölkerungswissenschaftlerin Ilona Tomowa. In den achtziger Jahren hatte der bulgarische Staat mehr als 80 Prozent der Roma im Alter zwischen 16 und 60 Jahren eine Planstelle zugewiesen, ihre Grundversorgung war gesichert. Das hatte freilich seinen Preis. Um die Roma zu integrieren, griff die Diktatur zu Maßnahmen, die einer Demokratie nicht offenstehen. „Die Inklusion geschah oft unter Zwang. Die Roma sollten durch sozialistische Propaganda und ein Verbot des Nomadisierens assimiliert, ihre Traditionen durch sozialistische Rituale ersetzt werden“, bestätigt Tomowa, die sich als Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Sofia mit der Lage der Roma befasst.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Immerhin war die gesellschaftliche Ausgrenzung der Roma bis in die achtziger Jahre hinein weniger stark ausgeprägt als heute. Inzwischen, das zeigen alle Statistiken, hat sich das geändert – auch wenn Datenmaterial zur Lage der Roma nicht nur in Bulgarien notorisch ungenau ist. In Bulgarien beginnt die Ungenauigkeit schon bei der Frage, wie viele Roma überhaupt im Land leben. Laut offiziellen staatlichen Statistiken sind Roma nach Bulgaren (85 Prozent) und Türken (neun Prozent) mit einem Bevölkerungsanteil von fünf Prozent die drittgrößte ethnische Gruppe in Bulgarien. Doch die Statistik lasse wichtige Faktoren außer Acht, wendet Frau Tomowa ein: „Eine große Zahl der bulgarischen Roma sind Muslime mit Türkisch als Muttersprache. Sie ziehen es vor, sich als Türken zu deklarieren, weil das Stigma geringer ist.“ Frau Tomowa schätzt, dass tatsächlich zwischen 700.000 und 800.000 Roma in Bulgarien leben – was bedeuten würde, dass sie etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Andererseits waren unter den etwa 850.000 Bürgern Bulgariens, die allein zwischen 1989 und 2001 ihre Heimat verließen, auch viele Roma.

          Roma mit Hochschulbildung leben von ihren Gemeinden getrennt

          Unbestritten ist, dass heute fast 80 Prozent der Roma Bulgariens in sogenannten „segregierten Stadtvierteln“ leben, was oft nur ein Euphemismus für „Slum“ ist. Am deutlichsten zeigt sich die Segregation in der Bildung. Unter den Roma ist in den wilden neunziger Jahren, als in Bulgarien wie in anderen postkommunistischen Gesellschaften ein Raubritterkapitalismus herrschte, in dem allein das Recht des Brutaleren galt, eine „verlorene Generation“ herangewachsen, die auch verloren ins Grab sinken wird. Etwa 40 Prozent aller Arbeitsplätze fielen weg, was die Roma zu fast 100 Prozent traf. Um die Schulbildung der Roma kümmerte sich der Staat nicht mehr. Laut der Volkszählung von 1992 waren 11,2 Prozent der Roma Analphabeten, 2001 dann schon 15,2 Prozent. In den Elendsvierteln Sofias, Plowdiws und anderer bulgarischer Städte waren es weitaus mehr. Das Analphabetentum kehrte zurück wie eine Krankheit, die als ausgerottet galt. Auch ein Blick auf das Hochschulwesen verdeutlicht das Ausmaß der Bildungsmisere unter den Roma: Die ohnehin minimale Zahl der Roma mit einem Universitätsabschluss (1992: 0,3 Prozent) schrumpfte in den neunziger Jahren weiter. Laut der Volkszählung von 2001 verfügten nur 0,16 Prozent der bulgarischen Roma über Hochschulbildung. „Und diejenigen Roma, die eine Universitätsbildung haben, leben meist von ihren Gemeinden getrennt, physisch und psychisch“, ergänzt die Bevölkerungswissenschaftlerin Tomowa die Daten der Volkszählung um eine Erkenntnis, die in Statistiken nicht auftaucht.

          Die Mehrheit der Roma hat auf dem bulgarischen Arbeitsmarkt heute keine Chance. Vor zwei Jahren hatten laut dem bulgarischen Statistikinstitut nur etwa 19 Prozent der erwachsenen Roma eine Arbeit, und weniger als die Hälfte davon stand in einem dauerhaften Arbeitsverhältnis. Die meisten waren Tagelöhner, Saisonarbeiter oder illegal Beschäftigte ohne reguläre Arbeitsverträge. Wo schwere Lasten geschleppt oder schmutzige Arbeiten verrichtet werden müssen, findet man Roma dagegen häufiger.

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