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Roma-Clans : Elend als Geschäftsmodell

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Die Unterkunft ist nicht viel mehr als ein erbärmliches Loch. Oft ein einziges Zimmer mit ein paar Matratzen am Boden in einem Massenquartier. Vor einigen Wochen wurde so ein Massenquartier mitten in Wien von der Polizei geräumt. Rund 150 Menschen lebten dort, Roma, die ihr Geld als Tagelöhner, Bettler oder Zeitschriftenverkäufer verdienten. Das Haus ist bereits wieder bewohnt. Auch in anderen deutschen und österreichischen Städten gibt es Brachen und Abbruchhäuser, bei denen es ganz ähnlich abläuft.

Die Aufpasserin lässt ihre Gruppe nie aus den Augen. Tagsüber sitzt sie in einem Café oder auf einer Parkbank, während die Kinder in der Nähe betteln oder stehlen. Wird eines der Kinder von der Polizei aufgegriffen, erscheint Minuten später die Aufpasserin mit einer notariell beglaubigten Urkunde, die sie als rechtmäßige Aufsichtsperson ausweist. „Sie zieht eine Riesenshow ab“, sagt Ceipek. „Sie weint und entschuldigt sich hundert Mal für das böse Kind. Irgendwann lassen die Polizisten das Kind wieder laufen.“ Abends kassiert die Aufpasserin von den Kindern das Geld, nachts schläft sie neben ihnen auf einer Matratze. Am Ende des Monats übergibt die Aufpasserin das Geld an die Mittelsmänner.

„Und das ist nur das Geschäft mit den Kindern“

“Jedes Kind muss pro Tag 350 Euro abliefern“, sagt Ceipek. „Man kann sich dann ausrechnen, wie viel ein einziger Clanchef im Jahr verdient, wenn vielleicht 70 oder mehr Kinder für ihn in verschiedenen Städten unterwegs sind. Und das ist nur das Geschäft mit den Kindern.“ Kinder, die flink und erfolgreich sind, werden von der Aufpasserin und den Mittelsmännern gelobt und gehätschelt, sie fühlen sich stark und überlegen. Wenn ein Kind das Soll nicht erfüllt, bekommt die Aufpasserin Stress, weil sie dann den Mittelsmännern am Monatsende nicht die festgesetzte Summe übergeben kann.

Das Kind wird dann für ein paar Tage an Freier weitervermietet, um dazuzuverdienen. „Ich hatte einmal ein Mädchen bei mir, das für längere Zeit an zwei Serben verkauft wurde“, sagt Ceipek. „Die zwei wohnten in einer heruntergekommenen Wohnung. Das Mädchen musste für sie kochen und putzen. Und nachts schlief es im selben Schlafzimmer wie die Serben, sie musste auf dem nackten Fußboden liegen. Wenn einer der Männer mit dem Finger schnippte, musste sie zu ihm ins Bett steigen.“

Bevor die drei Monate um sind, die man als Fremder ohne Anmeldung in Österreich oder Deutschland verbringen darf, fährt die Aufpasserin mit ihrer Gruppe zurück ins Dorf. Die Kinder besuchen für ein paar Tage ihre Eltern. Dann müssen sie wieder in den Westen, meist in eine andere Stadt, zusammen mit anderen Kindern und einer anderen Aufpasserin. „Wer einmal in dem Kreislauf drin ist, kommt nicht mehr raus“, so Ceipek. Der Clanchef findet Wege, die Eltern der Kinder in immer neue Schulden zu verwickeln. Wenn die Mädchen älter sind, 15 oder 16, werden sie an einen anderen Clan weiterverkauft. Der neue Clan zahlt eine hohe Summe, dafür erwartet er von den Mädchen, dass sie viele Kinder gebären. „Die Mädchen müssen Kinder buchstäblich produzieren“, sagt Ceipek. Nur so bleibt das Geschäftsmodell am Laufen.

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