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Roma-Clans : Elend als Geschäftsmodell

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Die Abhängigkeiten schaffen auch die Grundlage für das Geschäftsmodell Kinderhandel, mit dem die Clanchefs Millionen von Euro verdienen. Norbert Ceipek weiß wie kaum ein anderer über dieses Geschäftsmodell Bescheid. Er wird von der OSZE, von der Schweizer Bundespolizei, von Lichtenstein, Deutschland oder Frankreich zu Vorträgen und Schulungen eingeladen. Er sagt: „Mich interessiert nur die Frage, wie ich die Kinder besser schützen kann.“ Ceipek spricht offen. Er ist nicht diplomatisch, weil Diplomatie seiner Meinung nach nur die Hintermänner schützt.

Ein Kind, das Geld verdiene, genieße hohen Respekt

Eigentlich funktioniert das Geschäft ganz einfach: Der Clanchef lässt seine Kuriere ständig in seinen Dörfern patrouillieren. Die Kuriere treten gönnerhaft auf, einer Familie bringen sie zum Beispiel Hustensaft für das kranke Kind mit. Ein paar Tage später klopfen sie wieder an: „Wir haben euch vor einiger Zeit mit dem Hustensaft geholfen. Jetzt braucht der Chef dringend Geld. Kannst du uns den Hustensaft zurückzahlen?“ Aber der Vater hat kein Geld. „Dann leih uns wenigstens für ein paar Monate drei deiner Kinder aus.“ Der Vater willigt ein, obwohl er ahnt, was seinen Kindern blüht. Er ist froh, dass er drei Mäuler weniger zu stopfen hat. Und er hat Angst, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, sollte er sich weigern.

„Für einen Roma ist sein Clan überlebenswichtig“, sagt Ceipek. Die Kuriere klopfen an diesem Tag vielleicht bei fünf Familien an, haben am Schluss vielleicht 15 Kinder, die meisten nicht älter als 13 Jahre, weil mit 14 in Deutschland und Österreich die Strafmündigkeit beginnt. Die Kinder: Schon früh, noch bevor sie in den Westen müssen, bekommen viele von ihren Eltern zu hören: „Warum willst du in die Schule gehen? Wir waren auch nicht in der Schule, wir haben mit zwölf schon Geld verdient.“ Ein Kind, das Geld verdiene, genieße bei den Roma höchsten Respekt, sagt Ceipek. Er erzählt von einem Mädchen, das unter der Woche in Wien betteln musste und am Wochenende an zwei Türken vermietet wurde.

Die Türken verkauften es wiederum stundenweise an Freier weiter. „Das Kind saß hier bei mir im Büro“, sagt Ceipek. „Es sagte mir: ,Mein Papa verdient 120 Euro im Monat, ich 150 an einem Wochenende. Ich werde das bestimmt wieder machen.’ Das Mädchen fühlte sich nicht als Opfer. Ein Teil in dem Kind war zerstört, aber ein anderer Teil war sehr stolz.“ Viele Kinder, die von der Polizei in Ceipeks Krisenzentrum gebracht werden, laufen am nächsten Tag wieder weg.

Die Kinder fahren meistens in Dreier- oder Fünfergruppen mit den Fernbuslinien nach Westeuropa. Jede Gruppe wird von einer Frau begleitet. Ceipek nennt diese Frauen „Aufpasserinnen“. Bevor die Gruppen losfahren, organisieren Mittelsmänner am Zielort die Unterkunft. Auch die Mittelsmänner sind Roma und gehören wie die Kuriere und Aufpasserinnen zum engsten Kreis des Clanchefs.

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