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Referendum über Unabhängigkeit : Schottische Wünsche

Wie das Unabhängigkeitsreferendum ausgeht ist noch nicht klar, da viele Schotten noch unentschieden sind Bild: dpa

Im September stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Die Diskussion darüber gleicht einem Trennungsgespräch, in dem sich ein Paar über die Aufteilung der CD-Kollektion verständigt.

          Laut Sándor Márai, dem Schriftsteller, gibt es zwei große Fragen, die nicht zu beantworten seien: warum zwei Menschen zusammenfinden und warum sie wieder auseinandergehen. Ein bisschen gilt das auch für Nationen. Niemand weiß, an was die Schotten denken werden, wenn sie am 18. September darüber abstimmen, ob sie das Vereinigte Königreich verlassen und selbständig werden sollten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als sie vor 307 Jahren dem „Treaty of Union“ beitraten, wurden sie nicht gefragt. Es war das Parlament in Edinburgh, das sich nach zähen Verhandlungen mit London einigte. In der Geschichtswissenschaft hat sich, vereinfacht gesagt, die Sicht durchgesetzt, dass beide Seiten davon profitierten. Schottland war nach einem grandios gescheiterten Kolonialabenteuer in Panama bankrott und erhoffte sich vom wirtschaftlichen Zugang zu Englands wachsendem Kolonialreich einen Aufschwung.

          London ergriff die Chance, an seiner nördlichen Grenze endlich Ruhe zu haben, und konzentrierte sich auf Kriege und Eroberungen in anderen Teilen der Welt. Im Jahr 1707 sahen allerdings nicht alle eine „Win-win-situation“. Viele Schotten klagten damals über einen nationalen Ausverkauf, abgewickelt von politischen Würdenträgern, die sich von London hatten bestechen lassen. So groß war der Protest, vor allem im einfachen Volk, dass Edinburgh vorübergehend das Kriegsrecht ausrufen musste.

          „Das Beste beider Welten“

          Das Gefühl, von einem übermächtigen Partner fremdbestimmt zu werden, liegt auch der politischen Bewegung zugrunde, die nun in dem Referendum über eine neue Unabhängigkeit mündet. Anhänger der Union halten das für unbegründet, ja für undankbar. Sie verweisen auf die vielen Vorteile, die das bevölkerungsarme, strukturschwache Schottland aus dem Bund mit dem englischen Kraftzentrum während dreier Jahrhunderte gezogen hat, bis hin zur Rettung der Royal Bank of Scotland vor wenigen Jahren. Spätestens seit der Wiedereröffnung des schottischen Parlaments, dessen Vollmachten manche Engländer neidisch macht, genießen die Schotten aus Sicht der Unionisten „das Beste beider Welten“.

          Die britische Nuklearflotte müsste bei einer Sezession wohl aus ihrem Stützpunkt im schottischen Faslane abziehen

          Es liegt nicht nur an der unsentimentalen Art der Briten, dass Appelle an die gedeihliche, auch stolze gemeinsame Geschichte selten formuliert werden - und, wo sie zu hören sind, nicht verfangen. In weiten Teilen Schottlands ist die Distanz zum großen Volk im Süden geblieben, in den vergangenen Jahrzehnten ist sie gewachsen. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbau des Königreichs, der in der Ära Thatcher begann, wird vor allem in den bodenständigen Regionen des Nordens als „Amerikanisierung“ wahrgenommen, die man sich vom Leib halten möchte. Mit Neid blicken viele Schotten nach Skandinavien und nach Deutschland, wo Egalität und gesellschaftliche Solidarität höher im Kurs stehen als in England. Aus dieser Haltung heraus können Schotten auch mehr mit der EU anfangen als Engländer.

          Ihr respektabler Wohlstand, den sie mit der Verfügungsgewalt über die Ölressourcen noch glauben ausbauen zu können, gibt vielen Schotten das Selbstvertrauen, einen nahezu idealen Staat errichten zu können - frei von sozialer Ungerechtigkeit, frei auch von den nuklearen Abschreckungswaffen, welche die britische U-Boot-Flotte vor ihrer Küste einsatzbereit hält. Dies alles sind nachvollziehbare Motive, und doch entbehren sie das Zwingende, das man als Begründung einer historischen Zäsur vermuten würde. In Schottland geht es weniger um nationale Selbstbestimmung als um politische Selbstverwirklichung.

          Eine erstaunliche Gelassenheit

          So ist auch die Blutleere der Diskussion zu erklären, die sich nicht zuletzt im ersten „Fernsehduell“ zeigte. Nationalistenführer Salmond ließ sich vom Unionistenführer Darling Fragen aufzwingen, die sich ausschließlich ums Geld drehten: Darf ein unabhängiges Schottland weiterhin mit dem Pfund Sterling bezahlen? Bleiben die schottischen Renten, die in die gemeinsame Kasse eingezahlt wurden, sicher? In der Luft lag die Banalität eines Trennungsgesprächs, in dem sich ein Paar über die Aufteilung der gemeinsamen CD-Kollektion verständigt.

          Die TV-Diskussion zwischen Nationalistenführer Salmond (links) und dem Unionisten Darling war eher blutleer

          Nur wenige zweifeln daran, dass Schottland über eine Trennung hinwegkäme, ob mit Pfund oder ohne, ob mit raschem oder mit langwierigem (Wieder-)Eintritt in EU und Nato. Es wäre der Rest des dann eher kleinen Britanniens, das die Trauerarbeit zu leisten hätte. Nach dem Verlust des Empire müsste es den Schwund des Kernlands verkraften. Es wäre dann kleiner als Rumänien und hätte weniger Einwohner als Italien. Der ohnehin nachlassende Führungsanspruch Londons, den es fast nur noch mit britischer „Softpower“ legitimieren kann, würde weiter schrumpfen.

          Gemessen an den Folgen einer Loslösung - für Britanniens Selbstverständnis, für die operative Politik, für andere Staaten in der EU -, erstaunt die Gelassenheit, mit der die Nation auf das Referendum zusteuert. Umfragen sagen eine Mehrheit für den Status quo voraus. Aber viele der vier Millionen wahlberechtigten Schotten sind noch unentschieden. Sie könnten eine Überraschung bescheren, die ein nahezu unerklärliches Stück Geschichte schriebe.

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