https://www.faz.net/-gq5-7jeo9

Rassismus in Frankreich : Endlich solidarisch mit Mme Taubira

Wiederholt attackiert: Christiane Taubira Bild: REUTERS

Die französische Regierung hat rassistische Angriffe auf Justizministerin Christiane Taubira jetzt geschlossen verurteilt – eine überfällige Premiere.

          2 Min.

          Die Titelseite des rechtsextremen Wochenblatts „Minute“ hat am Mittwoch Frankreich empört. „Listig wie ein Affe“ steht neben einem Foto der dunkelhäutigen Justizministerin Christiane Taubira. Weiter geht es in großen Lettern: „Taubira retrouve la banane“. Das heißt wörtlich „Taubira findet die Banane“, bedeutet aber umgangssprachlich so viel wie „Taubira ist wieder voller Elan“. Die gezielt rassistische Provokation des wirtschaftlich dahinsiechenden Kampfblattes der extremen Rechten hat Premierminister Jean-Marc Ayrault dazu veranlasst, den Staatsanwalt wegen „öffentlicher Beleidigung rassistischer Art“ anzurufen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der sozialistische Parteivorsitzende Harlem Désir, dessen Vater von der Antilleninsel Martinique stammt, verlangte ein sofortiges Verbot der Wochenzeitung. „Es reicht mit dem Rassismus und dem Extremismus“, twitterte der Parteichef. Innenminister Manuel Valls prüft nach eigenem Bekunden, die Verbreitung der Ausgabe unterbinden zu lassen. Am Mittwoch war sie jedoch am Kiosk in Paris zu finden.

          Es ist das erste Mal, dass die Regierung schnell und geschlossen Solidarität mit der Justizministerin bekundet. Die aus Französisch-Guayana stammende Politikerin ist in den vergangenen Wochen wiederholt aufgrund ihrer Hautfarbe attackiert worden. Eine Lokalpolitikerin des Front National, Anne-Sophie Leclère, hatte auf ihrer Facebook-Seite das Bild eines Affen plaziert und daneben das Foto der Ministerin. In einem Fernsehgespräch rechtfertigte sich die junge Frau, keine Rassistin zu sein. Christiane Taubira sei jedoch eine „Wilde“, die sie lieber auf den Bäumen als in der Regierung sähe, so Leclère. Marine Le Pen ließ die Lokalpolitikerin daraufhin aus der Partei ausschließen. Die Justizministerin strengte eine Klage gegen Leclère an und sagte, das Gedankengut des Front National bestehe aus den Forderungen „Schwarze auf die Bäume, Araber ins Meer, Homos in die Seine und Juden in den Ofen“. Marine Le Pen reagierte mit einer Gegenklage wegen Diffamierung. Nun teilte die Front-National-Vorsitzende mit: „Ich bin froh, dass mir jede Woche von ,Minute‘ ins Gesicht gespuckt wird, wenn ich sehe, was aus diesem Blatt geworden ist.“

          „Das rassistische Frankreich ist wieder da“

          Kurze Zeit nach dem Leclère-Zwischenfall begrüßten Gegner der von der Justizministerin verteidigten Homosexuellenehe sie bei einem offiziellen Gerichtsbesuch in Angers mit Affenschreien. Ein Videomitschnitt zeigt zu der Protestgruppe gehörende Kinder, die der Ministerin Bananen entgegenhalten und rufen: „Affenweibchen, iss deine Banane!“ Diese Szene erregte zunächst kaum Aufsehen. Taubira beklagte sich in der Zeitung „Libération“: „Die schönen und lauten Stimmen“, die sich sonst in Frankreich sofort erhöben, seien stumm geblieben. „Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Delikt“, mahnte die Justizministerin. Sie sei beunruhigt angesichts der „Banalisierung“ rassistischer Beleidigungen in Frankreich.

          Der schwarze Fernsehmoderator Harry Roselmack schrieb in „Le Monde“ einen Artikel mit der Überschrift „Das rassistische Frankreich ist wieder da“. Die Nationale Kommission für Menschenrechte in Frankreich weist in ihrem Jahresbericht 2012 auf einen „beunruhigenden Anstieg der Intoleranz“ hin. Zwischen 2011 und 2012 wurden demnach 43748 Klagen wegen rassistischer Zwischenfälle aufgenommen. Das sind vier Mal so viele wie vor 20 Jahren. „Die Untersuchungen der Kommission zeigen, dass in der französischen Gesellschaft die Toleranz zurückgeht und sich rassistische und ausländerfeindliche Gefühle verbreiten“, heißt es in dem Bericht.

          Auf die Titelseite von „Minute“ will Justizministerin Taubira nicht reagieren. Sie sagte am Mittwoch, dies würde nur die Auflage des Blatts steigern.

          Weitere Themen

          Droht eine Intervention Moskaus?

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.

          Topmeldungen

          Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

          Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

          Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.