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Völkermord-Prozess : Die langen Schatten von Srebrenica

Eine Gruppe muslimischer Frauen beobachtet den Auftakt des Prozesses gegen Radovan Karadžić an einem Fernseher - im Jahr 2008. Bild: dpa

In Den Haag endet bald einer der wichtigsten Prozesse des UN-Kriegsverbrechertribunals. Ist Radovan Karadžić mitschuldig an einem der größten Verbrechen Europas nach 1945? Und was sagt der Fall über den Balkan heute?

          Im Februar hatten die Richter genug. Sie warnten den Angeklagten, er solle endlich aufhören, den Prozess mit „frivolen“ Eingaben in die Länge zu ziehen. Das Recht eines Angeklagten, Anträge einzubringen, sei schließlich nicht als Beschäftigungstherapie für das Gericht gedacht. Fast sechs Jahre währt der Prozess gegen Radovan Karadžić nun schon. Das liegt zwar vor allem am komplizierten Verhandlungsgegenstand, dem Krieg in Bosnien-Hercegovina zwischen 1992 und 1995, hat aber auch mit dem Verhalten des ehemaligen Kriegsherrn der bosnischen Serben zu tun.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Karadžić zieht das Verfahren immer wieder in die Länge – mal mit berechtigten, oft mit albernen Manövern. Im Januar verlangte er Internetzugang in seiner Zelle, damit er seine Karriere als Dichter fortsetzen könne. Zuvor hatte er die Vorladung des (inzwischen ehemaligen) griechischen Staatspräsidenten Karolos Papoulias gefordert, der zur Kriegszeit Außenminister Griechenlands war. Aufgrund der historischen Verbindungen „zwischen Griechenland und den Serben“ sei Papoulias nämlich einer der wenigen internationalen Gesprächspartner gewesen, mit denen die Serben in Kriegszeiten vertraulich sprechen konnten. Karadžić wollte Papoulias als Entlastungszeugen aufbieten, doch der ignorierte die Appelle an die hellenisch-großserbische Völkerfreundschaft und blieb dem Prozess fern. Daraufhin forderte Karadžić, dass ein Drahtbericht des damaligen amerikanischen Botschafters in Belgrad, Warren Zimmermann, vom Tribunal als Beweismittel zugelassen werde. Aus dem vertraulichen Dokument vom Mai 1992 gehe nämlich hervor, dass er, Karadžić, nicht an den ihm zur Last gelegten Verbrechen beteiligt gewesen sei.

          Karadžić hatte aus einem Buch des amerikanischen Historikers Robert Donia von der Existenz des Berichts erfahren. Donias Buch ist freilich alles andere als entlastend für den Angeklagten. In „Radovan Karadžić: Der Architekt des bosnischen Völkermords“ (Cambridge University Press, 2014) beschreibt der Historiker den Serbenführer zwar als „brillanten Kopf, scharfzüngig und von großer Gewandtheit im Ausüben seiner beeindruckenden Überzeugungskünste“, aber eben auch als hinterlistigen Lügner, Verbrecher und „gefühllosen Manipulator“. Fast zwei Jahrzehnte hat Donia an der Biographie recherchiert, um am Ende zu dem gleichen Schluss zu kommen wie die Anklagebehörde des Haager Tribunals: In seinem Herrschaftssitz in Pale, oberhalb von Sarajevo, habe Karadžić eine Politik des Völkermords dirigiert, um im Vielvölkerstaat Bosnien rein serbisch beherrschte Gebiete zu schaffen. Das gelang. Die „Republika Srpska“, die serbische Republik in Bosnien, nimmt heute knapp die Hälfte Bosniens ein. Ihre Grenzen sind mit Blut gezogen.

          Karadžić, der sich in Den Haag selbst verteidigt, weist aber alle Schuld zurück. Gewiss, in Bosnien hätten sich schreckliche Verbrechen zugetragen – nur habe er damit nichts zu tun. „Die Anklage hat 95 abgehörte Gespräche, die ich vor dem Krieg führte. Ich gab Tausende Interviews, sagte Hunderttausende Sätze und Millionen Worte (...), und dennoch konnten sie kein einziges ganzes, unverändertes Wort finden, um es gegen mich zu verwenden. Alles, was sie finden können, ist, dass ich für den Frieden gekämpft habe. (...) Es gibt zahlreiche Befehle von mir, einige vertraulich, und unter all diesen Dokumenten gibt es kein einziges, in dem ich Verbrechen befehle, ermögliche oder dulde“, sagte Karadžić, der als Berufsbezeichnung nicht Politiker, sondern Dichter angibt.

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