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Hitler-Stalin-Pakt : „Ein kolossaler Erfolg“

Terror in Ostpolen bleibt unerwähnt

Putin erwähnte nicht, dass Stalin im Sommer 1939 von London, Paris und Warschau als Bedingung für ein Bündnis gegen Hitler forderte, jederzeit sowjetische Truppen nach Polen bringen zu dürfen. Auch nicht den Terror in den von sowjetischen Truppen besetzten Gebieten. Putin sagte vielmehr, Polen habe nach dem Münchner Abkommen 1938 selbst „Handlungen unternommen, um einen Teil des tschechischen Staatsgebiets zu annektieren“ und sei nach dem Hitler-Stalin-Pakt zum Opfer der Politik geworden, die auch das Land selbst habe führen wollen. Tatsächlich hatten polnische Truppen damals den seit 1918 umstrittenen tschechoslowakischen Teil des Gebiets Teschen besetzt. Angesichts der Dimensionen der Verbrechen Hitlers und Stalins nimmt sich Putins Versuch, auch Polen zum Schuldigen zu machen, obszön aus.

Auch auf der Krim wurden zum 70. Jahrestag des Kriegsendes Stalinbilder durch Sewastopol getragen.

Dieser Versuch hat eine lange Vorgeschichte. Vor den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns vor sechs Jahren in Danzig war in den vom Kreml kontrollierten Medien wochenlang behauptet worden, Polen habe ein Bündnis mit Hitler für einen Angriff auf die Sowjetunion angestrebt. Es drohte ein Eklat. Kurz bevor es dazu kam, bezeichnete Putin, der seinerzeit Ministerpräsident war, den Hitler-Stalin-Pakt in einem „Brief an die Polen“ als „unmoralisch“. Er würdigte, dass die Polen sich als Erste in Europa der nationalsozialistischen Aggression entgegengestellt haben.

Doch auch in dem Brief fand sich die Sichtweise, Frankreich, Großbritannien und Polen hätten aus nicht nachvollziehbaren Gründen eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion abgelehnt, die so zu dem „unmoralischen“ Pakt gezwungen worden sei. Bei der Gedenkzeremonie in Danzig äußerte sich Putin dann noch deutlicher: Jede Zusammenarbeit mit Nationalsozialisten, „wie auch immer motiviert, führt zu einer Tragödie“. Weiter sagte er: „Alle Abkommen mit dem Ziel, die Nazis zu besänftigen, waren von moralischem Standpunkt unzulässig und von politischem Standpunkt sinnlos, schädlich und gefährlich.“ Diese Handlungen hätten zum Beginn des Zweiten Weltkriegs geführt. „Man muss natürlich diese Fehler anerkennen. Unser Land hat das gemacht.“ Die Duma, das russische Unterhaus, habe den Hitler-Stalin-Pakt verurteilt. „Wir erwarten zu Recht, dass das auch in anderen Ländern, die mit den Nazis Geschäfte machten, getan wird.“

Die Kehrtwende in der Beurteilung des Hitler-Stalin-Pakts ist eine von vielen in Putins dritter Amtszeit als Präsident. Sie erscheint zum einen als Teil der Bestrebungen, nach der Protestwelle der Jahre 2011 und 2012 und der Revolution in Kiew das autoritäre Herrschaftsprinzip zu rechtfertigen – und sei es um den Preis der Rehabilitierung des Pakts und implizit auch Stalins. Man baut auf das stalinistische Element der „Feinde“ im In- und Ausland, von denen die Kremlmedien täglich Schreckliches berichten.

Einer dieser Feinde ist die Nato. Putins Darstellung, wonach Stalin im Interesse des Staates handelte, weil der bedroht war, erinnert an einen der Begründungsstränge für die Annexion der Krim: Das Vorrücken der Nato habe Russland keine Wahl gelassen, der Flottenstützpunkt in Sewastopol sei gefährdet gewesen. In diesem Propagandabild ist die Nato für Russland an die Stelle gerückt, die NS-Deutschland für die Sowjetunion innehatte.

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