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Putin und die Krim : Zu gut gemeint

Was sagt er zur Annexion der Krim? Wladimir Putin Bild: AP

Mit markigen Worten äußerte sich Präsident Wladimir Putin in einem Trailer des Staatsfernsehens zur „Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands“. Nun folgte eine Art Richtigstellung.

          3 Min.

          Von Haus aus meint es das russische Staatsfernsehen gut mit Wladimir Putin. Der Produzent des am Sonntagabend ausgestrahlten Trailers zur Ankündigung eines „Dokumentarfilms“ namens „Krim – Der Weg in die Heimat“ meinte es hingegen offenbar zu gut mit dem Präsidenten. Jedenfalls folgte darauf am Montagabend gleich eine Klarstellung. Aber der Reihe nach.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In dem sogenannten Trailer vom Sonntag erinnert Putin zu dramatischer Musik und Bildern, die unter anderem Kampfhubschrauber zeigen, an den 23. Februar 2014. Er habe die ganze Nacht mit „Kollegen“ zusammengesessen, bis „etwa sieben Uhr morgens“, sagt Putin. „Als wir auseinandergingen, sagte ich zu meinen Kollegen: Wir sind gezwungen, die Arbeit an der Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands zu beginnen.“ Zudem äußert sich Putin über einen russischen Einsatz, um den am Abend des 21. Februar aus Kiew geflohenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch „zu retten“. Andernfalls wäre dieser „einfach vernichtet worden“, sagt Putin. „Wir bereiteten uns darauf vor, ihn über Land, über Wasser oder durch die Luft aus Donezk rauszubringen.“ Es seien großkalibrige Maschinengewehre installiert worden, um „nicht zu viel reden“ zu müssen.

          Es sind markige Worte. Überhaupt wirkt die Annexion der Krim in dem Trailer wie eine militärische Kommandoaktion des Kreml. Putin erscheint als starker Entscheider, der Geheimdiensten und Militär Anweisungen erteilt. Der Wille der Bevölkerung auf der Krim spielt demgegenüber keine Rolle – anders als im sonstigen Erzählstrang zur Angliederung der Krim. Offenbar im Dienste der Dramatik und im Bestreben, Putin in schwerer Zeit als entschlossenen Oberbefehlshaber zu porträtieren, haben die Macher des Trailers die Aussagen des Präsidenten so verkürzt, dass sie die – im russischen Sinne – politische Korrektheit verletzten. Denn die erfordert es, die russischen Soldaten, die ab dem 27. Februar 2014 bedeutsame Orte auf der Krim besetzten, stets als bloße Unterstützer des Volkswillens darzustellen. So hält es auch Putin selbst. Etwa, als er am 17. April vorigen Jahres bei einer Fernsehfragestunde zugab, „im Rücken“ örtlicher „Selbstverteidiger“, die das sogenannte Referendum vom 16. März beaufsichtigten, hätten Tausende „russische Soldaten“ gestanden und „professionell“ gehandelt.

          Im Sender Rossija 1 hieß es dann am Montagabend nach der Ausstrahlung des Trailers, zuvor hätten „so viele Fragen der Zuschauer“ den Sender erreicht, dass man schon jetzt weitere „Details“ sende. Es folgte eine Art Richtigstellung. Im neuen Ausschnitt aus dem „Dokumentarfilm“ sagt Putin nach dem Satz, das man „gezwungen“ sei, an der „Rückkehr“ der Krim zu arbeiten: „Weil wir das Gebiet und die Leute, die dort leben, nicht dem Schicksal überlassen können, von Nationalisten niedergewalzt zu werden.“ Damit bezieht sich Putin auf die Ereignisse in Kiew, die der Kreml als bewaffnete, faschistische Machtergreifung darstellt. Putin sagt weiter, er habe an jenem Morgen des 23. Februar „bestimmte Aufgaben“ ausgegeben, aber zugleich bekräftigt, „dass wir das“ – gemeint ist offenbar die Annexion – „nur in dem Fall machen werden, dass wir absolut sicher sind, dass das die Leute, die auf der Krim leben, selbst wollen“.

          Weiter verweist Putin auf eine „geheime Umfrage“ des Kreml auf der Krim, die alsdann ergeben habe, dass 75 Prozent der Bevölkerung der Halbinsel einen Anschluss an Russland befürwortet hätten. Das „endgültige Ziel“ sei, so Putin, keine „Eroberung“ oder „Annexion“ gewesen, sondern „den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung dazu äußern zu können, wie sie weiter leben wollen“. In dem Interview führt Putin auch die Möglichkeit aus, dass die Krimbewohner mit „großer Autonomie, mit gewissen Rechten, aber im Bestand des ukrainischen Staates“ bleiben würden. In dem Referendum am 16. März war neben der Frage einer „Wiedervereinigung“ mit Russland nur die Frage nach der Einsetzung einer nie in Kraft getretenen Verfassung von 1992 vorgesehen, welche die Halbinsel als „souveränen Staat“ im losen Verbund mit der Ukraine definierte.

          Der zweite Vorgeschmack auf den „Dokumentarfilm“ vom Montagabend führt auch aus, Russland habe eine „offizielle Bitte“ Janukowitschs erhalten, sein Leben zu retten. Gezeigt werden Bilder einer „Rekonstruktion“ der Flucht mit Autos und Hubschraubern bei Nacht. Putin sagt in dem Film, Janukowitsch „fuhr auf die Krim“. Der gestürzte Präsident selbst hatte bei seinem ersten Auftritt in Russland in der Stadt Rostow am Don am 28. Februar vorigen Jahres behauptet, er sei nicht aus Kiew geflohen, sondern über Charkiw, Donezk und Luhansk auf die Krim gereist. Auf die Frage, wie er nach Russland gekommen sei, hatte Janukowitsch damals auf „patriotisch gestimmte Offiziere“ verwiesen, die geholfen hätten, „mein Leben zu schützen“.

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