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Ukraine-Konflikt : Putins Schlachtplan

Gerassimows Ausführungen waren allgemein, die Ukraine kam darin nicht vor. Vielleicht fielen sie deshalb niemandem im Westen auf. Die Rede war frei zugänglich, sie wurde sowohl auf der Website der Akademie für Militärwissenschaft veröffentlicht als auch von einer russischen Fachzeitschrift. Westliche Sicherheitsfachleute diskutieren jedoch erst darüber, seit der Beitrag Ende Juni ins Englische übersetzt und über das Internet verbreitet wurde. Sie betrachten den Beitrag nun als Vorbereitung auf die Eroberung der Krim.

Unabhängige Fachleute und Nato-Auswerter sind sich darüber einig, dass diese Invasion nur mit professioneller Planung und Vorbereitung möglich war. Ihr Blick fällt vor allem auf ein gigantisches Manöver im September vergangenen Jahres. Es hieß Zapad (Westen) 2013 und fand in der Exklave Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, sowie an der russischen Westgrenze zum Baltikum und in Weißrussland statt. Nach offizieller Darstellung wurde die gemeinsame Verteidigung russischer und weißrussischer Einheiten gegen einen Angriff „illegaler bewaffneter Gruppen“ auf Weißrussland geübt. Beide Staaten meldeten 12.900 Soldaten für die Übung an, sie blieb damit knapp unterhalb der Schwelle, von der an westliche Beobachter hätten zugelassen werden müssen. Die Nato beschwerte sich früh darüber, dass das Ausmaß der Übung viel größer gewesen sei – in Wirklichkeit wohl eher 70.000 Soldaten.

Eroberung des gesamten Baltikums war das Ziel

Stephen Blank, langjähriger Professor am US Army War College und einer der besten Kenner des russischen Militärs, schrieb kurz nach der Übung in einer Analyse, dass die „illegalen bewaffneten Gruppen“ gemäß dem Manöverplan aus Litauen stammten. Ihre Aufgabe habe darin bestanden, „in Weißrussland Operationen gegen den Staat durchzuführen und dabei ihren unterdrückten ethnischen Landsleuten zu Hilfe zu eilen“. In Wahrheit gibt es keine litauische Minderheit in Weißrussland. „Jene russischen Einheiten, die gemäß dem Manöverdrehbuch die Angreifer spielten, haben einen Einsatz geübt, wie wir ihn später auf der Krim und heute im Osten der Ukraine erleben“, sagt Blank heute. Und das ist keine Theorie. Denn es handelte sich sogar um dieselben Bataillone.

Das Manöver ist noch aus einem zweiten Grund von Bedeutung: Der Gegenschlag der Verteidiger war nach heutiger Einschätzung der Nato auf die Eroberung des gesamten Baltikums angelegt. Zu den Manöverelementen gehörten eine große Landeoperation von der Ostsee her, Kämpfe im städtischen Umfeld sowie Angriffe von Land mit Infanterie, Panzern und Kurzstreckenraketen, die nuklear bestückt werden können. Präsident Putin lobte den Verlauf des Manövers. Die Truppen hätten ihre hohe Einsatzbereitschaft bewiesen und gezeigt, dass sie das Gefecht im Verbund der Waffengattungen beherrschten.

Chronologie der Krim-Invasion

Es ist nicht klar, wann Putin entschieden hat, die neue Form der Kriegsführung auf der Krim anzuwenden. Nach amerikanischen Berichten wurde das Weiße Haus erstmals im Dezember 2013 vor einer Invasion der ukrainischen Halbinsel gewarnt. Die Nachrichtendienste hatten beobachtet, wie Spezialkräfte über Monate hinweg in kleinen Gruppen dorthin verlegt worden waren. Sie fanden Unterschlupf in den Einrichtungen der russischen Schwarzmeerflotte, die in Sewastopol und Umgebung stationiert war. Im selben Monat äußerte sich Putin erstmals besorgt über das Schicksal seiner „Landsleute“ auf der Krim. Ein Abgeordneter des Regionalparlaments rief die russischen Streitkräfte zu Hilfe. Im Februar sollte Janukowitsch nach ukrainischen Berichten ein Dokument unterzeichnen, mit dem er Russland formal um militärische Hilfe bat – was der ukrainische Präsident jedoch ablehnte.

Unmittelbar nach Janukowitschs Flucht aus Kiew am 22. Februar meldete die russische Marine, dass ein Landungsschiff mit Marineinfanteristen und Schützenpanzern nach Sewastopol verlegt worden sei. Auf einer zentralen Verkehrsachse der Krim wurden Panzersperren gesichtet. Und an der russischen Schwarzmeerküste nahe der Halbinsel trafen Fallschirmjäger aus Moskau ein.

Die Invasion der Krim hatte begonnen. Während der Westen noch darüber grübelte, wie Putin auf die Revolution in Kiew reagieren würde, schuf der russische Präsident Tatsachen.

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