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„Pussy Riot“ : Lagerleben

In diesem Lager befindet sich Maria Aljochina in Einzelhaft. Die Anstaltsleitung behauptet, ihr drohe Gefahr von Mitgefangenen Bild: AP

Der Alltag in russischen Frauengefängnissen ist hart, auch für die Mitglieder von Pussy Riot: Geduscht wird einmal pro Woche, manche Häftlinge sind Denunzianten.

          5 Min.

          Das wichtigste Talent der russischen Zivilisation ist der Widerstand. Ob Christen unter der Sowjetmacht den Glauben lebendig hielten, ob die Intelligenzia die europäische Kultur pflegte oder heute für einen Hungerlohn alte Sprachen lehrt: alles Wertvolle muss permanent erkämpft werden. Manche werden für ihren Widerstand bestraft. Und manche lassen sich selbst davon nicht demoralisieren - ihnen ist die Hochachtung der Russen gewiss. Das gilt auch für die beiden zu je zwei Jahren Haft verurteilten jungen Mütter aus der Punk-Gruppe „Pussy Riot“, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina. Der Schriftsteller Dmitri Bykow hat im Scherz schon prophezeit, eine von beiden würde sicher einmal Kulturministerin.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die 24 Jahre alte Philosophiestudentin Tolokonnikowa und die ein Jahr ältere Literaturstudentin Aljochina sitzen in Besserungskolonien in Mordowien und im Landkreis Perm ein, beides untervölkerte Regionen mit hoher Dichte an Strafvollzugsanstalten. Die Journalistin Jelena Masjuk, die zugleich Mitglied des Präsidentenrats für Menschenrechte und Entwicklung der Zivilgesellschaft ist, hat die beiden besucht und für die „Nowaja gaseta“ lange Gespräche mit ihnen geführt. Dabei zeichnen sich zwei gegensätzliche Charaktere und Widerstandsmuster ab. Die stolze Theoretikerin von „Pussy Riot“, Nadeschda Tolokonnikowa, die schon vor Gericht Bibelverse, Pythagoras und Sokrates zitierte, versucht, sich möglichst ohne Verluste dem Arbeitsalltag des Gefängnisses einzupassen, sie schirmt ihr Denken und Fühlen ab. Die impulsivere Maria Aljochina hingegen, die in Freiheit in einer christlich-orthodoxen Jugendorganisation behinderte Kinder betreute und die sich schon in Untersuchungshaft über Essens- und Schlafentzug beschwerte, versucht auch in der Strafkolonie, gegen Missstände vorzugehen. Damit macht sie sich neue Feinde. Beide verstehen sich zugleich emphatisch als Christinnen und betonen, dass sie keinerlei Groll gegen diejenigen hegen, die sie hinter Gitter gebracht haben.

          Weibliche Hygiene als unerreichbarer Luxus

          Das war in ihrem Fall die Richterin Marina Syrowa, obwohl diese, wie es bei russischen Strafprozessen üblich ist, zumal bei solchen mit politischem Gewicht, den Prozess nur formell führte. In Wahrheit war sie Erfüllungsgehilfin der Staatsanwaltschaft. Auch aus diesem Grund gibt es im Land so viele Richterinnen: weil Frauen eher bereit sind, sich unterzuordnen. Frau Syrowa sei so gesichtslos gewesen, dass sie sich gar nicht an sie erinnern könnten, sagen Tolokonnikowa und Aljochina unabhängig voneinander in den Interviews. Nadeschda Tolokonnikowa sitzt in der berüchtigten, „Mordowlag“ genannten Kolonie Nr. 14 ein, wo auch die Nationalistin Jewgenia Chasis inhaftiert ist, die wegen Beihilfe zum Mord zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde. Chasis verbreitet übers Internet, die Zellengenossinnen in der Provinz hätten für die hochgemute „Pussy Riot“-Heldin aus der Hauptstadt nur wenig Sympathien.

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