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„Pussy Riot“ : Lagerleben

Maria Aljochina befindet sich in der Permer Kolonie Nr. 28 in Einzelhaft, angeblich zur Strafe, weil sie einmal den Weckruf um halb sechs nicht gehört habe. Sie selbst glaubt, dass es einen anderen Grund dafür gibt: Sie solle nicht beobachten, wie die Lageraufsicht mit „fremden Händen“ Disziplin in der Zone herstellt. Die „fremden Hände“ sind Langzeitgefangene, die im Auftrag der Lageraufsicht Mithäftlinge denunzieren, weil sie angeblich zur Unzeit geschlafen hätten, eine Feile bei sich trügen oder einen Beschwerdebrief schreiben wollten. Die Denunzierten werden dann von der Aufsicht gezüchtigt - und die Kollaborateure im Gegenzug besser behandelt. Die altbewährte Methode ist seit vorigem Jahr offiziell verboten, wird jedoch weiter praktiziert. In der Häftlingsgruppe von Maria Aljochina spielt das Pärchen Nonna Iwanowa und Aljona Kotschur, die wegen Rauschgifthandel und Mordes einsitzen, Disziplinwächter. Dafür hoffen sie, frühzeitig entlassen zu werden.

Im „Mordowlag“ wird jetzt Slavoj Žižek gelesen

Maria Aljochina habe gleich begonnen, sich wichtig zu machen, sagen Iwanowa und Kotschur ebenfalls im Gespräch mit der Journalistin Jelena Masjuk. Sie habe Häftlingsrechte eingeklagt, faire Entlohnung verlangt und gewollt, dass alle mit „Sie“ angeredet würden - kurz: sie attackierte die bestehende Ordnung. Die Kollaborateurinnen bedrohten Aljochina. Die Aufsicht bestrafte dann sicherheitshalber beide Seiten. Iwanowa und Kotschur bekamen fünf Tage Einzelhaft. Ihre frühzeitige Entlassung ist nun unwahrscheinlich, daher hassen sie Aljochina jetzt umso mehr.

Diese wagte es als Einzige, dem Leiter der Gesellschaftlichen Beobachtungskommission für Perm, Sergej Issajew, zu schreiben, und der empfing sie sogar in der Kolonie. Auch bei ihm beschwerte sie sich, dass die Winterkleidung der Häftlinge viel zu dünn sei, dass sie keine Möglichkeit hätten, sich die Haare zu waschen. Doch anschließend landete sie ebenfalls in Isolationshaft, und zwar auf Dauer. Die Anstaltsleitung behauptet, ihr drohe Gefahr von Mitgefangenen, was Aljochina als absurd bezeichnet. Zu ihrer Bestürzung erklärte Kommissionsleiter Issajew gegenüber der Presse dann auch noch, Aljochina habe bei ihrem Treffen keinerlei Beschwerden über die Zustände in ihrer Kolonie vorgebracht.

Dennoch geben Aljochina und Tolokonnikowa sich guten Mutes. Aljochina findet ihr Permer Gefängnis sogar auf eigentümliche Weise schön. Es sei ein Ort, der an einen Godard-Film erinnere und viel von sich erzähle, sagt sie, beispielsweise von Häftlingen wie Warlam Schalamow und Wladimir Bukowski, die im Permer Gebiet gesessen hätten. Tolokonnikowa hat ihre mitgebrachten Bücher in die Gefängnisbibliothek gegeben und meldet, dass im „Mordowlag“ jetzt Slavoj Žižek gelesen werde. Ihre eigene Hauptlektüre ist derzeit die Bibel. Sie halte viel von der protestantischen Hinwendung zu den Quellen, sagt sie. Ihre eigene ungerechte Haftstrafe komme ihr umso weniger der Rede wert vor, beteuert sie, als sie jetzt oft daran denke, dass und wofür Jesus gestorben ist.

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