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Proteste in Bosnien : Niemandsland ist abgebrannt

Flammende Wut: In Mostar haben am Samstag Protestierende ein Verwaltungsgebäude gestürmt und in Brand gesteckt Bild: AFP

Die sozialen Unruhen in Bosnien sind die größten seit dem Krieg. Erstmals wird über ethnische Grenzen hinweg protestiert.

          Eine Nacht im Krieg. Bosniakische Soldaten geraten auf dem Weg zu einer vorgeschobenen Stellung zwischen die Fronten, werden von Serben entdeckt und beschossen. Nur einer rettet sich, schwer verletzt, in einen verlassenen Schützengraben. Ein serbischer Offizier befiehlt zwei Soldaten, die Lage zu erkunden. Im Schützengraben deponieren die Serben, heimlich beobachtet von dem Überlebenden, unter dem leblosen Körper eines Bosniaken eine Springmine, die explodieren wird, sobald seine Kameraden die Leiche beim Bergen anheben und den Druck vom Zünder nehmen. Doch der Mann auf der Mine ist nur bewusstlos. Als er erwacht, erklärt ihm sein Kamerad, der die Szene hilflos beobachten musste, das Schreckliche seiner Lage: Er lebt zwar, wird aber in Stücke gerissen werden, sobald er sich bewegt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das ist die Ausgangslage des tragikomischen Kriegskammerspiels „Niemandsland“, für das der bosnische Regisseur Danis Tanović 2002 den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Und es ist gewissermaßen auch die Lage von Bosnien-Hercegovina. Zwar herrscht seit 1995 Frieden in dem Land, aber es ist gefangen im Friedensvertrag von Dayton, der Verfassungsrang hat. Dessen starres ethnisches Proporzsystem hat Bosnien zwar vor zwei bald Jahrzehnten ein Ende des Tötens zwischen (muslimischen) Bosniaken, Serben und Kroaten eingebracht, indem es die Interessen der Kriegsgegner sorgfältig austarierte. Doch längst ist aus dem Segen ein Fluch geworden. „Dayton“ erstickt die Gesellschaft, der Staat ist zur Beute politischer Parteien geworden, die an dem Zustand nichts ändern wollen, weil sie von ihm leben. Alle wissen das, aber niemand hat eine Lösung parat, denn unterschwellig schwelt der ethnische Konflikt weiter. „Dayton“ kann nicht einfach abgeschafft werden. Es ist das Gewicht, das die bosnische Springmine vor der Explosion bewahrt, die den Staat in Stücke reißen würde.

          Eine weit verbreitete allgemeine Enttäuschung

          Auch deshalb sind die Unruhen, die Bosnien seit Tagen erschüttern und am Wochenende ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten, neu für das Land. Denn diese „schwersten Unruhen seit dem Krieg“, wie die Nachrichtenagentur Reuters sie bezeichnete, haben keinen ethnischen Hintergrund. In Sarajevo und in der ehemaligen Industriestadt Tuzla in Nordbosnien wurden Regierungsgebäude in Brand gesteckt, auch in Mostar, Bihac, Pale, Gorazde und anderen Orten kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten, bei denen mehr als hundert Personen verletzt wurden. Aber es sind nicht ethnische, sondern soziale Explosionen, die Bosnien erschüttern. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Proteste in Tuzla begannen. Die Stadt mit ihren 120.000 Einwohnern lebte zu jugoslawischen Zeiten von ihrer Industrie, doch über die Jahre mussten immer mehr der defizitären staatlichen oder quasistaatlichen Betriebe schließen. Andere wurden im Zuge dubioser Privatisierungen unter Wert verkauft und danach von den neuen Eigentümern zum Restwert verschrottet.

          Zu den Unruhen in Tuzla kam es im Anschluss an eine Demonstration von entlassenen oder seit Monaten nicht mehr bezahlten Arbeitern. Dass die Gewalt rasch auf Sarajevo und andere Städte übergriff, zeugt aber von einer weit verbreiteten allgemeinen Enttäuschung, die sich nicht an einem einzigen Anlass festmachen lässt. Im vergangenen Sommer war die Wut schon einmal aufgeflammt: Demonstranten belagerten das Parlament in Sarajevo, nachdem ein krankes bosnisches Baby gleichsam aus politischen Gründen gestorben war. Die politische Klasse hatte sich im Streit um neue Personalausweise nicht auf einen Kompromiss einigen können, weshalb die Familie des kranken Kindes keine Dokumente besaß, um es zu einer womöglich lebensrettenden Behandlung ins Ausland zu bringen. Die damaligen Proteste verliefen sich aber rasch wieder.

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