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Proteste in Bosnien : Jung und arbeitslos? Selbst schuld!

Hohe Jugendarbeitslosigkeit: In Bosnien-Hercegovina fordern Protestanten neue Reformen Bild: dpa

Hauptgrund für die Unruhen in Bosnien sei die hohe Arbeitslosigkeit vor allem von Jugendlichen, heißt es. Stimmt nicht, sagen bosnische Forscher und warten mit überraschenden Thesen auf.

          Martin Schulz hat die Richtung vorgegeben: „Der Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit hat oberste Priorität, und das Parlament besteht darauf, dass die dafür notwendigen Gelder so schnell wie möglich bereitgestellt werden“, sagte der Präsident des Europäischen Parlaments im vergangenen Jahr. In Interviews legt er seit Wochen nach. Das wichtigste Thema im Europawahlkampf sei die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, sagte Schulz unlängst dem „Focus“. Damit steht er auf der sicheren Seite – wer hat schon etwas gegen Programme für junge Arbeitslose? Kommt es irgendwo im Süden oder Osten Europas zu sozialen Protesten, dauert es meist nicht lang, bis die Unruhen mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit in dem betreffenden Land begründet werden. Bei der Protestwelle, die derzeit durch Teile von Bosnien-Hercegovina schwappt, ist das nicht anders. Bosniens Politiker seien einfach nicht in der Lage, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, hieß es dieser Tage beispielsweise in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Tatsächlich haben in dem ehemaligen Bürgerkriegsland laut Angaben der Weltbank 58 Prozent der jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren keine feste Arbeit – das ist selbst für die tristen Maßstäbe des Balkans eine erschütternde Zahl.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Ist Bosnien also ein Staat, in dem eine korrupte politische Kaste jungen, gut ausgebildeten Menschen keine Chance gibt? Katarina Cvikl gibt eine andere Antwort. Die junge Slowenin arbeitet seit 2012 für Populari, das beste soziologische Forschungsinstitut Bosniens. Aus den empirisch geerdeten Analysen und Studien von Populari lässt sich viel lernen über das Land – zum Beispiel darüber, dass viele arbeitslose Bosnier mit Hochschulbildung an ihrer Misere selbst schuld seien. So steht es zumindest in der jüngsten Populari-Studie, die sich mit der Lage von Hochschulabsolventen in Bosnien befasst. Auf die Idee kamen die Leute bei Populari aus leidvoller Erfahrung bei der Suche nach Nachwuchsmitarbeitern. „Von den Bewerbungen über die Vorstellungsgespräche bis zur Arbeitsethik war unsere Erfahrung ziemlich beunruhigend“, fasst Cvikl zusammen. Bald begriff man bei Populari, dass viele potentielle Arbeitgeber in Bosnien ähnliche Eindrücke haben. „Wir fanden, dass es Zeit sei, eine Debatte anzustoßen.“

          Eine anmaßende Weltsicht

          Das ist gelungen – mit äußerst provokanten Thesen. „Es heißt immer, der einzige Grund für die missliche Lage junger Arbeitsloser in Bosnien sei die schlechte Wirtschaftslage und der Mangel an Möglichkeiten. Die Einstellung der jungen Leute wird dabei übersehen“, stellt die slowenische Politikwissenschaftlerin fest. Um die ist es nämlich, glaubt man der Studie von Populari, schlecht bestellt. Das beginne bei den unrealistischen Erwartungen vieler Absolventen. Studenten werde eingeredet, dass sie die Elite ihres Landes seien und vor der Tür ihrer Fakultät ein Job auf sie warte. Das führe bei vielen jungen Akademikern zu der Ansicht, „dass sie ein Recht auf besondere Behandlung haben“, heißt es in der Studie. Die anmaßende Weltsicht werde den Studenten nicht zuletzt von ihren Professoren eingeflüstert, die meist noch Akademiker alter jugoslawischer Schule sind, als ein Studium tatsächlich die Ausnahme war.

          Heute aber ist es auch in Bosnien nichts Besonderes mehr, Hochschulabsolvent zu sein. Jahr für Jahr gibt es in Bosnien mehr Studenten, obwohl die Bevölkerungszahl des Landes stark schrumpft. Hatte Bosnien 1991 noch 4,4 Millionen Einwohner, sind es zweieinhalb Jahrzehnte und einen Krieg später kaum 3,8 Millionen. Die Zahl der an bosnischen Universitäten eingeschriebenen Studenten hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren hingegen verdoppelt, von 58000 im Jahr 2000 auf zuletzt mehr als 115000. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch bedeutet diese Akademikerblüte eben auch, dass ein abgeschlossenes Studium nur der Standardbaustein eines Lebenslaufs ist. „Heutzutage ist etwas mehr nötig als ein Hochschuldiplom – die richtige Einstellung“, sagt Katarina Cvikl.

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