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Prostitutionsverbot in Frankreich : Das Schlachtfeld der käuflichen Liebe

Keine Furcht vor Diskussionen: Frauenrechtsministerin Vallaud-Belkacem und Premierminister Ayrault. Bild: Getty Images

In Frankreich debattiert die Nationalversammlung über das Prostitutionsverbot. Freiern soll zukünftig ein Strafgeld von 1500 Euro drohen. Das Thema spaltet die französische Gesellschaft.

          3 Min.

          Najat Vallaud-Belkacem hat einen Traum. „Mein Ziel ist es zu erleben, dass die Prostitution verschwindet“, sagt die 36 Jahre alte Französin. Als jüngstes Regierungsmitglied arbeitet sie hart daran, dass sich ihr Traum erfüllt. Ihrem Ziel glaubt sie ein Stück näher zu kommen, wenn in Frankreich Kunden von Prostituierten künftig ein Strafgeld droht. 1500 Euro Strafe sollen Franzosen zahlen, die käufliche sexuelle Dienste in Anspruch nehmen – vorausgesetzt, die Polizei ertappt sie dabei. Im Wiederholungsfall wird das Bußgeld verdoppelt. Das sieht ein Gesetzentwurf vor, über den von diesem Freitag an in der Nationalversammlung debattiert wird. Vor der Diskussion, sagt Frauenrechtsministerin Vallaud-Belkacem, fürchte sie sich nicht. Sie weiß, dass die versuchte Abschaffung des „ältesten Gewerbes der Welt“ auf Widerstand stößt – auch bei den Parteifreunden. Doch die „Benjamine“ von der Regierungsbank, wie die junge Frau verniedlichend genannt wird, kennt kein Pardon. Sie will sich von niemand weismachen lassen, dass Frauen sich freiwillig der „Sexarbeit“ unterziehen, auch nicht von den Prostituierten selbst, die kürzlich gegen das Projekt protestierten. Für die aus Marokko stammende Ministerin sind Prostituierte zuallererst Opfer, die geschützt werden müssen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das Thema spaltet die französische Gesellschaft über Parteigrenzen hinweg. Der Gesetzentwurf geht zurück auf die sozialistischen Abgeordneten Maud Olivier und Catherine Coutelle und den UMP-Abgeordneten Guy Geoffroy. Die drei eint die Überzeugung, dass die Prostitution abgeschafft gehört, weil sie Gewalt und Ausbeutung mit sich bringt. Ursprünglich verlangten die drei Abgeordneten sogar Haftstrafen für die Freier. Letztlich sieht der Gesetzentwurf vor, dass „ertappte“ Kunden ein Seminar „zur Sensibilisierung für den Kampf gegen käufliche Liebe“ besuchen müssen. Dabei sollen Filme gezeigt werden, die das Elend der Prostituierten in Szene setzen.

          „Hände weg von meiner Hure“

          Gegen die staatlich verordnete Gängelung der männlichen Sexualität hat eine Gruppe von selbsternannten „343 Dreckskerlen“ aufbegehrt. Angeführt von dem Schriftsteller Frédéric Beigbeder, dem konservativen Journalisten Eric Zemmour und dem Verleger Claude Durand, haben sie ein „Manifest“ unterzeichnet und fordern „Hände weg von meiner Hure“. Die Anspielungen auf das Manifest der 343 Französinnen, die Anfang der siebziger Jahre publik machten, dass sie abgetrieben hatten („Manifest der 343 Schlampen“), sowie auf den Spruch der SOS-Rassismus-Bewegung „Hände weg von meinem Kumpel“ („Touche pas à mon pote“) sind gewollt. Die Unterzeichner sehen sich als Verteidiger einer sexuellen Freizügigkeit und gesellschaftlichen Toleranz, die einst von der Linken in Frankreich erkämpft wurde. Sie wittern hinter der Parlamentsinitiative eine großangelegte „Tugendoffensive“, die erst am Anfang sei. Bald werde ein Pornoverbot folgen, mutmaßen sie. Unerwartete Unterstützung erhielten die Unterzeichner von der Schauspielerin Catherine Deneuve, der Philosophin Elisabeth Badinter und dem Sänger Charles Aznavour.

          Ein Drittel der französischen Männer haben laut Erhebungen schon eine Prostituierte aufgesucht. „Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass auch in der Nationalversammlung Widerstand gegen ein Verbot laut wird“, sagte der UMP-Abgeordnete Guy Geoffroy. Der UMP-Vorsitzende François Copé sagte, er sehe den Gesetzesvorstoß als „sehr positiv“ an. Der UMP-Abgeordnete Philippe Gosselin hingegen kündigte an, er werde dagegen stimmen, denn die Strafandrohung werde die Prostituierten nur weiter in die Illegalität drängen. Der UMP-Fraktionsvorsitzende Christian Jacob plädiert dafür, sich der Stimme zu enthalten. Die Grünen wollen geschlossen gegen den Gesetzentwurf stimmen. „Der Text löst keines der Probleme, die durch die Prostitution entstehen“, sagte die grüne Abgeordnete Barbara Pompili. In der sozialistischen Fraktion herrscht Uneinigkeit. 120 Abgeordnete haben sich ausdrücklich für das Verbot ausgesprochen und einen entsprechenden Aufruf unterzeichnet. Doch anderen Sozialisten gefällt der moralisierende Unterton des Gesetzestextes nicht. „Mir gefällt diese geplante Hygienepolizei nicht. Der Gesetzgeber hat sich in die Sexualität der Franzosen nicht einzumischen“, sagte der sozialistische Abgeordnete Thomas Thévenoud. Er und andere Kritiker wollen jedoch nicht dagegen stimmen, sondern sich der Stimme enthalten.

          Mehrheit der „Sexarbeiter“ aus dem Ausland

          Nach Schätzungen der Prostituiertenorganisation Strass arbeiten in Frankreich etwa 400000 Menschen im Sexgewerbe. Die große Mehrheit der „Sexarbeiter“ stammt aus dem Ausland. Nach Erhebungen des Innenministeriums kommen mehr als 80 Prozent der Prostituierten aus Osteuropa, Afrika und Asien. Der Gesetzentwurf sieht Hilfen für Ausländerinnen vor, die aus der Prostitution aussteigen wollen. So sollen sie eine sechs Monate währende Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich erhalten und den Anspruch auf eine Umschulung. Auch Wohnraum soll geläuterten Prostituierten zur Verfügung gestellt werden. Zugleich wird das im Jahr 2003 vom damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy durchgesetzte Gesetz abgeschafft, mit dem „passive Kundenwerbung“ durch Straßenprostituierte strafbar gemacht wurde. Das Gesetz führte nicht zu einem erhofften Rückgang des Straßenstrichs.

          Frankreich quält sich seit langem mit der Frage des richtigen Umgangs mit der Prostitution. Zuhälterei ist bereits gesetzlich verboten, ebenso Menschenhandel und Zwangsprostitution. Als Vorbild gilt jetzt Schweden, wo Freier seit 1993 strafrechtlich verfolgt werden. Die Aufwertung der „Sexarbeit“ zum Beruf wie in Deutschland wird hingegen als abschreckendes Beispiel angeführt. Najat Vallaud-Belkacem ist sich schon sicher, dass es bei der Abstimmung Mitte nächster Woche eine Mehrheit für das Verbot geben wird.

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