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Ankündigung von David Cameron : Startschuss aus der Küche des Premierministers

Eine dritte Amtszeit will David Cameron nicht in Downing Street 10 wohnen. Bild: dpa

Warum schließt David Cameron eine dritte Amtszeit aus, bevor er die zweite sicher hat? Nun denken im Wahlkampf alle Briten an ihn. Das Schicksal zweier Amtsvorgänger hätte ihm Warnung sein sollen.

          David Cameron trug ein Freizeithemd, die Ärmel waren hochgekrempelt, als er von dem BBC-Journalisten James Landale bei einem Interview in seiner Küche gefragt wurde, ob er im Falle seiner Wiederwahl am 7. Mai auch eine dritte Amtszeit anstreben würde. „No“, antwortete Cameron unvermittelt. Seitdem steht das politische Großbritannien Kopf.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Hatte der Premierminister das geplant? Hat er sich hinreißen lassen? Hat er den großen Fehler gemacht, der seine zweite Amtszeit definieren, womöglich ruinieren wird? Immer wieder durchmessen die Hermeneutiker die Situation und die Wortwahl des Küchengesprächs. Nach seinem „Nein“ sagte Cameron hastig: „Ich glaube...wissen Sie...ich stehe für eine volle zweite Amtszeit zur Verfügung.“ Daraufhin erklärte er, was er alles vorhabe in der nächsten Legislaturperiode, dass er sich nicht nur mit dem Schuldenabbau beschäftigen, sondern auch das Land reformieren wolle. Cameron, so wirkte es, ging es nicht darum zu erklären, warum er nach zehn Jahren aussteigen will, sondern warum er noch lange fünf Jahre braucht.

          In den vergangenen Monaten wurde gelegentlich getuschelt, Cameron könnte nach dem für Ende 2017 geplanten Referendum über den Verbleib in der EU zurücktreten – je nach Ausgang als gescheiterter Premierminister oder auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Wollte er diese Spekulationen beenden? Die Labour Party setzt sie gerne ein, weil sich mit ihnen ein Angriff im Wahlkampf parieren lässt. Wann immer die Tories rufen, mit Labour komme das wirtschaftliche Chaos, ruft Labour zurück: Das wahre Chaos stifte die Unsicherheit über das Referendum und die Zukunft des Regierungschefs.

          Warum aber hat sich Cameron nicht einfach auf die Botschaft beschränkt, für eine volle zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen? Er hätte sein Nein zur dritten im Verlaufe des Gespräches relativieren können. Stattdessen fütterte er es noch an. „Natürlich kommt der Zeitpunkt, wo ein frisches Paar Augen und eine frische Führung gut wären“, sagte Cameron – und begann aufzuzählen, welche „großartigen Leute“ gerade in der konservativen Partei hochkämen: „Die Theresa Mays, die George Osbornes, die Boris Johnsons.“ Die Benennung möglicher Nachfolger – der Innenministerin, des Schatzkanzlers und des Londoner Bürgermeisters – unterlassen Regierungschefs normalerweise. Natürlich setzte sogleich das Grummeln jener Tories ein, die nicht auf der Liste aufgetaucht waren. Und die Gekürten stehen ab jetzt auch offiziell in Konkurrenz. „Cameron gibt Startschuss für Rennen um Tory-Führung“, fasste die „Times“ das Interview zusammen.

          Ein Nutzen ist nicht zu erkennen

          Camerons Pressestab und ranghohe Parteimitglieder versuchen, das Gesagte herunterzuspielen. Michael Fallon, der Verteidigungsminister, verwies darauf, wie man über Cameron hergefallen wäre, hätte er das Gegenteil gesagt und seine Bereitschaft für eine dritte Amtszeit bekundet. Daran ist etwas: Schon das Ausschließen der Option genügte Labour, um dem Premierminister „Arroganz“ vorzuhalten – schließlich sei er noch nicht einmal für eine zweite Amtszeit bestätigt worden.

          Die Briten haben schon zweimal erlebt, wie verhängnisvoll die falsche Antwort auf die Nachfolgefrage wirken kann. Margaret Thatchers berühmte Antwort „I will go on, and on“ sollte jede Führungsdiskussion im Keim zu ersticken. Aber die Antwort der Eisernen Lady wurde als machtversessen und abgehoben interpretiert; sie schadete ihr. Den umgekehrten Weg ging Tony Blair, der nach zehn Jahren in Downing Street erklärte, eine dritte Amtszeit nicht beenden und die Macht im Laufe der Legislaturperiode übergeben zu wollen. Ab da war er nicht mehr Herr der Geschehnisse.

          James Landale, der BBC-Journalist, bekannte am Dienstag, er zerbreche sich seit 24 Stunden den Kopf über das Motiv seines Gesprächspartners. Wie so viele erkennt er keinen Nutzen in den Äußerungen Camerons: „Er hat Westminister und das Land eingeladen, sich eine Zeit vorzustellen, in der er nicht mehr Premierminister ist, und das ist ein gefährliches Spiel so kurz vor einer Wahl.“ Andererseits – kann einem Wahlkämpfer viel Besseres passieren, als dass alle über ihn nachdenken?

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