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Polizistenmord nahe Paris : Einer von 8250 Islamisten

Anwesenheit erwünscht: Ein Anwohner dankt einem Gendarm, der in der Straße, in der Larossi Abballa einen Polizisten und seine Ehefrau erstochen hatte, patrouilliert. Bild: AFP

Den ersten Terroranschlag in Frankreich während der EM hat ein Mann verübt, der den Behörden als Islamist bereits bekannt war. Teile der Opposition fordern nun Internierungslager für Gefährder.

          5 Min.

          In die Trauer über den doppelten Polizistenmord mischt sich am Dienstag die Angst. Wie viele radikalisierte junge Franzosen leben im Land und können demnächst zur Tat schreiten? Von den Notstandsgesetzen, die noch bis Ende Juli in Kraft sind, erhoffen sich die meisten Franzosen nicht mehr viel. Schätzungsweise 8250 radikalisierte junge Franzosen zählt das Land laut einer von „Le Figaro“ zitierten Statistik des Innenministeriums.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Für den Terrorfachmann Marc Trévedic sind sie „eine tickende Zeitbombe“. Trévedic hat bis zum vergangenen Jahr als Untersuchungsrichter in der Anti-Terror-Einheit im Pariser Justizpalast gearbeitet und wiederholt Alarm geschlagen. Dann wurde er an ein Familiengericht versetzt, obwohl es an qualifizierten Ermittlern im Anti-Terror-Kampf mangelt.

          Trévedic erinnert sich noch gut an Larossi Abballa, den Mann, der in Magnanville am Montagabend ein Polizistenehepaar mit einem Messer erstach. Dem durch Messerstiche schwerverletzten 42 Jahre alten Polizeikommissar gelang es mit letzter Kraft, auf der Straße seine Nachbarn zu alarmieren. Er konnte nicht verhindern, dass Abballa in sein Haus eindrang und seiner Frau die Kehle durchschnitt. Während die Eliteeinheit Raid das Haus umstellte, versendete Abballa Fotos und Videos seiner Tat über „Facebook live“.

          In dem Haus wurden später drei Smartphones des Täters gefunden. Der drei Jahre alte Sohn der Ermordeten saß laut Informationen des freien Journalisten David Thomson, der das Video sah, bei den Filmaufnahmen verstört im Hintergrund auf einem Sofa. „Ich weiß noch nicht, was ich mit ihm mache“, teilte der 25 Jahre alte Abballa mit, bevor Raid das Haus stürmte.

          In seiner 13 Minuten langen Videobotschaft, die am Dienstag von der Polizei ausgewertet wurde, soll Abballa sich auf die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) berufen haben. Er rief dazu auf, in den nächsten Wochen so viele „Polizisten, Gefängniswärter, Journalisten und Rapper“ wie möglich zu töten.

          Der Staatsanwalt von Paris, François Molins, sagte am Dienstag, es sei auf Abbalas Computer eine Liste mit ausgewählten menschlichen Zielen gefunden worden, darunter Journalisten, Rapper und Polizisten. Der Staatsanwalt bestätigte, dass Abballa sich „vor drei Wochen“ der Terrororganisation IS angeschlossen habe.

          Er habe den Raid-Beamten damit gedroht, das Haus „in die Luft zu sprengen“. Es sei jedoch kein Sprengstoff gefunden worden. Drei Messer wurden sichergestellt. „Die Fußball-Europameisterschaft wird zum Friedhof“, drohte Abballa in seiner Videobotschaft weiter. Seiner Tat würden viele andere folgen.

          „Tötet sie mit Messern!“

          Am 12. Februar 2015 war in Frankreich eine Videobotschaft eines französischen IS-Kaders, Salim Benghalem, verbreitet worden, der alle „Brüder“ dazu aufforderte, die „Ungläubigen“ zu bekämpfen. „Tötet sie mit Messern!“, verlangte Benghalem damals.

          Der Attentäter vom Montag wurde bei dem Polizeieinsatz getötet. Das drei Jahre alte Kind des ermordeten Paares blieb nach Polizeiangaben unversehrt, steht aber unter Schock. Drei Verdächtige, die mit Abballa in Verbindung stehen, wurden am Dienstag festgenommen.

          Abballa war 20 Jahre alt, als die Polizei erstmals wegen seiner Verbindungen zu islamistischen Kreisen auf ihn aufmerksam wurde. Regelmäßig traf er sich mit seinen Freunden nachts in einem Waldstück, um für den Dschihad zu trainieren. Mit Küchenmessern übten sie, Kaninchen zu köpfen. „Wir sollten lernen, den Ungläubigen die Kehle aufzuschneiden“, sagte später einer der Kumpanen Abballas im Gerichtssaal.

          2011 wurde Abballa wegen des Verdachts der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung festgenommen. Trévedic sagte jetzt „Le Figaro“, er habe damals kämpfen müssen, damit der junge Mann in Untersuchungshaft kam. Er galt als einer der harmloseren der acht Männer zählenden Gruppe, die in Kontakt zu einem Verbindungsmann in Lahore, Pakistan, stand. Ziel war es, französische Freiwillige in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet zu schleusen und für Al Qaida zu kämpfen.

          „Ich brauchte Anerkennung“

          „Er war so ein Kerl, von denen es in den Akten über Terrorstraftaten nur so wimmelt, ein Unberechenbarer, ein Getarnter. Er wollte in den Dschihad ziehen, das war sicher. Er hatte in Frankreich dafür trainiert. Aber außer seinen schlechten Kontakten und seinen Joggingläufen hatten wir nicht viel gegen ihn in der Hand“, sagte Richter Trévedic jetzt.

          Da er es nicht bis nach Pakistan geschafft hatte, entschieden die Richter milde. Abballa wurde im September 2013 zu drei Jahren Haft, davon sechs Monate auf Bewährung, verurteilt. Vor Gericht hatte Abballa seine Beweggründe dargelegt. Er war in der Sozialbausiedlung Les Mureaux aufgewachsen, die als „schwierige Banlieue“ bekannt ist. „Meine Geschichte ist die von allen hier. Ich brauchte Anerkennung, ich hatte keine Arbeit und keinen Abschluss“, zitierte ihn der Gerichtsreporter von „Le Monde“. Die Religion habe ihm Trost gespendet. Vom Islam wusste er vorher so gut wie nichts.

          „Das Internet hat mich programmiert“, sagte Abballa. Seine ganze Freundesgruppe sei von den islamistischen Videos fasziniert gewesen. „Wir haben nur noch vom Dschihad gesprochen. Es ist so, als wenn man jede Minute mit einem Einbrecher verbringt. Irgendwann wird man selbst zum Einbrecher“, sagte Abballa den Richtern.

          Die Szenen von der Unterdrückung der Muslime in der Welt hätten ihn schwer beeindruckt. „Es war so bewegend. Danach brauchte ich nur ein paar Worte, und ich wollte auch in den Dschihad ziehen“, wurde Abballa im Gerichtsprotokoll zitiert.

          Nach seiner Haftentlassung blieb der junge Mann wie die meisten Täter mit kurzem Strafmaß sich selbst überlassen. Es herrscht chronischer Mangel an Bewährungshelfern in Frankreich. Abballa galt als kooperativ, gründete er doch Anfang Januar 2015 ein eigenes Unternehmen „Dr. Food 78“, das sich auf die nächtliche Lieferung von Fast-Food-Gerichten spezialisierte. „Dr. Food“ begann seine Werbesprüche stets mit einem „Salam aleikum, Brüder“.

          Ein zutiefst schockierter Bürgermeister

          Die Justiz wurde wieder auf ihn aufmerksam, weil er in Kontakt zu einem Netzwerk stand, das junge Franzosen nach Syrien schleuste. Er soll sporadisch überwacht und seine Telefongespräche sollen abgehört worden sein. „Kein Anzeichen, dass er zur Tat schreiten könnte, war entdeckt worden“, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve am Dienstag.

          Die Wohnung Abballas in dem berüchtigten Viertel „Val Fourré“ in Mantes-la-Jolie wurde nach dem Doppelmord durchsucht. Staatsanwalt Molins sagte, es seien jedoch weder Waffen noch anderes verdächtiges Material gefunden worden. Im Februar 2015 war ein anderer radikalisierter Bewohner aus „Val Fourré“ festgenommen worden. Moussa Coulibaly, ein junger Franzose mit Migrationshintergrund, war mit einem Messer auf drei Soldaten losgestürmt, die jüdische Einrichtungen in Nizza bewachten. Es gelang ihnen damals, den Angreifer zu überwältigen.

          Unklar ist, ob Abballa persönlichen Kontakt zu seinen Opfern gehabt hatte. Der Polizeikommissar, Jean-Bapiste S., war erst vor kurzem in den Kommissariatsneubau in Les Mureaux versetzt worden. Bis April 2015 arbeitete er in Mantes-la-Jolie, dem Wohnort Abballas. Seine 36 Jahre alte Ehefrau, Jessica S., war noch immer als Sekretärin des diensthabenden Kommissars in Mantes-la-Jolie tätig. Der Bürgermeister von Magnanville, einem ruhigen Vorort mit vielen Einfamilienhäusern, äußerte sich am Dienstag zutiefst schockiert. Michel Lebouc sagte, es sei unvorstellbar, dass der Terrorist dem Beamtenpaar bis zu seinem Privatdomizil gefolgt sei. In der rechtsbürgerlichen Opposition regte sich am Dienstag Kritik an der Anti-Terror-Strategie der Regierung.

          Der Sicherheitsfachmann der Partei „Les Républicains“, der Abgeordnete Eric Ciotti, forderte, endlich Internierungslager für islamistische Gefährder einzurichten. Es könne nicht toleriert werden, dass radikalisierte Leute frei herumliefen. Parteichef Nicolas Sarkozy verlangte in einem Kommuniqué, die Notstandsgesetze „ohne Verzögerung der erhöhten Bedrohung anzupassen“.

          Die Polizisten müssten besser geschützt werden. Die Regionalratsvorsitzende der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse (Republikaner) kritisierte, dass es noch immer keine angemessenen Einrichtungen für radikalisierte Franzosen gebe. Ein erstes Internat „zur Umerziehung“ von Gefährdern soll im September eröffnet werden. Die FN-Vorsitzende Marine Le Pen forderte am Dienstag: „Der Kampf gegen den Islamismus muss endlich beginnen.“

          Frankreich : Polizist bei Paris ermordet

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