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Bedrohte Meinungsfreiheit : Politisch ganz korrekt

Die Universität Oxford gilt eigentlich als Inbegriff der geistigen Auseinandersetzung. Bild: AP

An britischen Universitäten läuft die „neue politische Korrektheit“ aus dem Ruder. Sie verbindet Feministinnen mit politisierten Muslimen und macht nicht einmal vor Dichtern halt. Professoren sehen das Grundrecht auf freie Rede bedroht.

          Anthony Glees hebt seine Hände und baut eine Zuschauergalerie über einem Hörsaal: „Da oben haben sie gesessen, und ich musste mitten unter ihnen hindurch.“ Sie, das waren die Studenten, von denen er sich bedroht fühlte. „Rassist!“ und „Islamhasser!“ hatten sie gebrüllt, und Glees, Professor für Politikwissenschaften, wusste einen Moment lang nicht, wie er unbeschadet aus dem Saal kommen sollte. „Mir war wirklich mulmig zumute“, erinnert er sich.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Jetzt sitzt der Professor in einem Polstersessel in einem holzvertäfelten Café in Oxford, nicht weit von dem College, an dem er studiert hat. Glees kennt viele Universitäten, in Britannien und in Deutschland. Nach mehr als vierzig Jahren im Dienst der Wissenschaft überblickt er ganze Epochen von Hochschulkultur. Was sich heute an den britischen Universitäten abspiele, sagt Glees, erinnere ihn am ehesten an Frankfurt zum Ende der sechziger Jahre, als niedergebrüllt wurde, wer nicht ins Weltbild der Studenten passte. „Aber damals waren wenigstens die Professoren auf der anderen Seite – heute werden die Studenten von ihren Dozenten oft noch angeheizt.“

          Glees, ein Fachmann für innere Sicherheit, hatte auf einem Podium in der University of London gesessen, ein paar Wochen ist das her, und gleich zwei Sünden begangen: Zuerst verteidigte er die staatliche Organisation „Prevent“, die versucht, junge, extremismusgefährdete Muslime zu deradikalisieren. Etwas später beklagte er, dass der Botschafter Israels trotz vieler Bemühungen von keiner Universität im Königreich mehr eingeladen werde, aus Angst vor Protesten. Aus Sicht der Studenten war das Maß damit voll. Tumulte brachen aus. Glees hat so was nicht zum ersten Mal erlebt. „Wir werden alle eingeschüchtert“, sagt er.

          Die „neue politische Korrektheit“ an Britanniens Universitäten läuft aus dem Ruder. Kurz vor Weihnachten schlug eine Gruppe von Professoren in der Zeitung „Telegraph“ Alarm und sprach von einer „zutiefst besorgniserregenden Entwicklung“. Eine Kultur, die den freien Austausch von Ideen beschränke, fördere die Selbstzensur und mache Menschen Angst, ihre Meinung zu äußern: „Dies droht das Wesen der Demokratie zu zerstören.“

          Tricks wie aus dem politischen Untergrund

          Es trifft nicht nur Redner, die man auf der konservativen Seite verorten würde. Unlängst wurde Germaine Greer zum Opfer, eine Art britische Alice Schwarzer, die allerdings nicht die neuerdings gebotene Sensibilität für Transsexuelle aufbringt. Weil sie vor Jahren geschrieben hatte, dass man durch eine Operation nicht zur Frau werde, ging ihrem Auftritt in der Cardiff-Universität ein digitaler „Shitstorm“ voraus. Eine Online-Petition, die von 3000 Studenten unterschrieben wurde, forderte ein Redeverbot auf dem Campus. Das gleiche wiederholte sich in Oxford. Dutzende Studenten beschimpften sie von der Galerie als „transphob“.

          Diskussionsveranstalter befinden sich mittlerweile so sehr in der Defensive, dass manche, wie an der University of Manchester, Tricks wie aus dem politischen Untergrund anwenden. Als ein Autor Tage vor der Podiumsdiskussion als „professioneller Frauenfeind“ und „Vergewaltigungsverteidiger“ beschimpft wurde, verlegten die Veranstalter die Runde an einen geheimen Ort und gaben diesen erst kurz vor Beginn bekannt.

          Der Journalist Brendan O’Neill spricht von einer „no platform policy“, einer Strategie also, mit der die Studentenführer das Auftreten von Leuten, die nicht dem vorherrschenden „Gruppendenken“ entsprächen, systematisch verhinderten. O’Neill hat dies am eigenen Leib erfahren. Im vergangenen Jahr sollte er in britischer Debattenmanier ein Plädoyer für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch halten. Ein Kollege war für die Gegenrede gebucht. Vor der Veranstaltung äußerten sich Feministinnen empört darüber, dass zwei „Personen ohne Gebärmutter“ über dieses Thema diskutierten, und 300 von ihnen drohten, „Instrumente“ mit in den Saal zu bringen. Daraufhin sagte das Christ Church College in Oxford die Veranstaltung ab.

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