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Bedrohte Meinungsfreiheit : Politisch ganz korrekt

In seiner unaggressiven Form hat das Denken in „safe spaces“ den Campus schon lange hinter sich gelassen und ist zu Allgemeingut geworden. In weiten Kreisen des Königreichs gilt es mittlerweile als unhöflich, Weihnachtskarten zu verschicken, auf denen „Merry Christmas“ steht. Ein Muslim könnte sie zu Gesicht bekommen und sich verletzt fühlen. Also werden „Season’s Greetings“ verschickt, Grüße der Saison. Die anglikanische Kirche darf nicht einmal in der Adventszeit für sich werben. Der Kino-Spot, den die Staatskirche unlängst gedreht hatte, könnte „jene beleidigen, die einen anderen Glauben oder gar keinen haben“, begründete die Kinoagentur DCM im November ihre Entscheidung, das Filmchen mit christlichen Gesängen nicht auf der Leinwand auszustrahlen.

Das „Well-being“ genießt Priorität

Scheinbar wollen alle auf Rosen gebettet werden. Fast jeder Beitrag, den die Nachrichtensendungen der BBC aus ärmeren oder kriegsgeplagten Ländern zeigen, wird mit den Worten angekündigt: „Sie könnten einige dieser Bilder erschreckend finden.“ Besondere Blüten treibt die Kultur des Warnens und Beschützens wiederum im akademischen Betrieb. An vielen Unis ist Robin Thickes freizügiger Popsong „Blurred Lines“ verboten worden - „weil dem Well-being unserer Studenten die Priorität gehört“, wie es etwa am Balliol College in Oxford heißt. Das London University College hat für den „Schutz der Studenten“ die Nietzsche-Gesellschaft verboten. Die University of East Anglia untersagte nach Protesten der Stundentenunion Sombreros auf dem Campus: Das Tragen der breitkrempigen Hüte – Werbegeschenke eines nahe gelegenen mexikanischen Restaurants – könnte als rassistisch aufgefasst werden, hieß es.

Selbst Traditionszeitungen werden inzwischen vom Campus verbannt. Mehr als dreißig Studentenvertretungen setzten das Boulevardblatt „Sun“ auf den Index – vor allem wegen der leichtbekleideten Modells auf der dritten Seite. „Früher haben radikale Studentinnen ihre BHs verbrannt, heute bestehen sie darauf, dass die Models welche tragen“, schrieb O’Neill.

Die Studenten wollen keine Herausforderungen mehr

Zur jüngsten Mode ist geworden, Warnhinweise für verstörende Textstellen zu verlangen. Die Shakespeare-Expertin Katherine Rundell, die bis vor wenigen Jahren selber der linksbewegten Stundentenschaft Oxfords angehörte, sieht sich neuerdings in ihren Seminaren der Forderung nach „trigger warnings“ ausgesetzt. „Viele meiner Studenten wollen gewarnt werden, wenn eine Stelle naht, die irgendetwas in ihnen anrichten könnte“, sagt sie und nennt als Beispiel die Vergewaltigung Lavinias in Shakespeares‘ „Titus Andronicus“. In einer Zeitung wurde kürzlich gescherzt, bald müsse die Rolle des Juden Shylock aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ herausgestrichen werden.

In den Vereinigten Staaten, wo die neue politische Korrektheit ihren Ausgang genommen hat, wird schon über die „Verhätschelung der amerikanischen Psyche“ – so ein Artikel in der Zeitschrift „The Atlantic“ – diskutiert. O’Neill sieht auch auf Großbritannien etwas zukommen. Hinter dem „Recht auf Behaglichkeit“ verstecke sich letztlich das „Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden“. Besorgt blickt der Journalist in die Zukunft, wenn diese Studenten, die sich vor jeder Kontroverse schützten, das Land führen und komplexe politische Entscheidungen werden treffen müssen. Oxford-Dozentin Rundell hat aus diesen Gründen beschlossen, den neuen Forderungen ihrer Studenten nicht nachzugeben und Shakespeare weiterhin ohne Alarmsignale zu lesen: „Irgendwann werden sie aus der Uni ins Leben entlassen, und dort gibt es auch keinen Schutz.“

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