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Putins Strategie im Donbass : Das Ende der Maskerade

  • -Aktualisiert am

Für den nächsten Ernstfall: In Donezk trainieren pro-russische Bürger, wie sie einen Panzer aufhalten können. Bild: dpa

Der Krieg in der Ostukraine wütet weiter. Der Friedensprozess stolpert über Putins Hintergedanken. Den Fehler von vor zwei Jahren sollten wir nicht wiederholen. Ein Gastbeitrag.

          Trotz des Waffenstillstands zum Schuljahresanfang sind in der kurzen Zeit seither, diesen anderthalb Monaten, in Kämpfen mit den russischen „grünen Männchen“ und ihren Söldnern im Donbass 19 meiner Soldaten getötet und mehr als hundert verletzt worden. Mehr als 800 Mal gab es im September russischen Beschuss, mehr als 500 Mal schon in diesem Monat. Der Krieg wütet weiter, und es gibt vielfache Belege dafür, dass der Minsk-Prozess über Russlands ewige Maskerade strauchelt. Es ist Zeit, unser Denken über Russlands Absichten zu korrigieren, denn sie sind nicht nur eine Bedrohung für die Ukraine, sondern für Sicherheit und Stabilität in Europa.

          „Wir müssen endlich aufhören, uns selbst über die wahren Absichten Russlands zu täuschen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Aggressionen des Kremls global werden.“

          Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass Russland sich eines Tages in einer gewaltsamen Aggression gegen einen freundlichen Nachbarn richten könnte, wie es die Ukraine einmal war. Auch nach dem russischen Feldzug in Georgien glaubten viele noch an die Rückkehr des Kremls zu jener Nachkriegsordnung, die auf Regeln und nicht Gewalt basiert.

          Russland versucht, Krim-Szenario im Donbass zu wiederholen

          Damals war ich unter denen, die so dachten, aber meine gegenwärtige Wahrnehmung des heutigen Russland ist eine andere: Sie wurde über Nacht herausgefordert, als der Kreml zuerst eine Annexion der Krim anordnete und dann den Osten meines Landes militärisch angriff. Er orchestrierte eine Maskerade „grüner Männchen“ auf der Halbinsel und schlich sich in den Donbass, während er behauptete: „Wir sind nicht dort.“

          Die Wahrheit kam recht bald ans Licht, als Präsident Putin persönlich bekannte, dass russische Soldaten hinter den Wählern auf der Krim standen, um sie während des sogenannten Referendums zu schützen. Es ist offensichtlich, dass diese Soldaten nicht die Wähler, sondern die Abstimmung und ihr gefälschtes Ergebnis schützen sollten. Sieht das in diesen Tagen nicht bekannt aus, wenn Russland versucht, dieses Szenario im Donbass zu wiederholen, indem es auf eine politische Lösung und Lokalwahlen vor allen anderen Schritten dringt? Ist es nicht klar, dass die prorussischen Söldner im Donbass sind, damit ein weiteres Stück des ukrainischen Gebiets der Aggression des Kremls zum Opfer fällt? Oder glaubt immer noch jemand, dass dort keine russischen Soldaten stehen?

          Kreml leugnet Einmischung

          Wir sollten nicht wieder in die Falle laufen, uns mit Russlands leeren Zusicherungen zu trösten. Sie sind so vergiftet wie seine Manipulationen. Nach Erkenntnissen des ukrainischen Geheimdienstes sind im Donbass mehr als 700 russische Panzer, mehr als 1250 Artilleriesysteme, mehr als 1000 Mannschaftstransportwagen und mehr als 300 Raketenwerfer. Die prorussischen Kämpfer im Donbass haben buchstäblich mehr Panzer und mehr Raketenwerfer als die deutsche Bundeswehr.

          Aber diese Erkenntnisse halten den Kreml nicht davon ab, seine Einmischung in diesem Gebiet zu leugnen, so wie er es schon im Fall der Krim getan hat. Ohne Russland könnte dieses enorme militärische Potential dort nicht sein. Es kam ohne Einladung in mein Land und ist zu keinem anderen Zweck dort als einzuschüchtern und zu töten. Es soll den Donbass (und die Ukraine) so lange bluten lassen, wie sein Meister es wünscht.

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