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Spanien und Portugal : Pass-Offerten für Nachfahren iberischer Juden

  • -Aktualisiert am

Bald auf dem Rückweg nach Spanien? Sephardische Juden in Jerusalem Bild: Reuters

Weil die Sepharden einst aus Spanien und Portugal vertrieben wurden, bemühen sich die beiden Länder um Wiedergutmachung. Allen Juden mit iberischer Abstammung bieten die Regierungen nun die Staatsbürgerschaft an.

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          Ein halbes Jahrtausend nach der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel bieten Spanien und Portugal jetzt den Nachkommen der Sepharden eine „Heimkehr“ mit Pass und Staatsangehörigkeit an. Interessiert zeigen sich unter den möglichen Nutznießern, vor allem Juden in Kleinasien, Lateinamerika und Nordafrika, aber auch Israel. Allein in der Türkei, wo die geschrumpfte jüdische Gemeinschaft noch etwa 17.000 Mitglieder zählt, zieht angeblich ein Viertel eine Auswanderung in Erwägung.

          Das spanische Parlament verabschiedete am Donnerstag ein Gesetz, welches den Sepharden, wie sich die im 15. Jahrhundert Ausgewiesenen nannten, eine Rückkehr anbietet. Es verlangt aber im Gegensatz zu dem sonst üblichen Verfahren nicht, dass die Antragsteller eines Passes auf ihre bisherige Staatsbürgerschaft verzichten, oder tatsächlich in Spanien ihren Wohnsitz nehmen.

          Das Gesetz tritt am 1. Oktober in Kraft und setzt eine Frist von vier Jahren, während derer die Juden ihre „historische Verbindung“ zu Spanien nachweisen müssen. Das kann über eine Bestätigung ihrer jüdischen Gemeinde im Ausland geschehen, über einen Sprachtest - viele beherrschen noch das altspanische Ladino -, oder durch einen sephardischen Nachnamen. Das nationale Cervantes-Kulturinstitut soll bei den Prüfungen behilflich sein. Eine Sonderklausel erlaubt auch spätere Anträge für Sepharden, die „Verfolgung erleiden“.

          Nachweis der „historischen Verbindung“

          Auch in Portugal, wohin zahlreiche Juden nach der Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492 zunächst geflüchtet waren, hat das Parlament ein ähnliches Gesetz verabschiedet, welches noch von Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva unterzeichnet werden muss. König Manuel I. hatte die Flüchtlinge damals zunächst aufgenommen. Als er dann aber eine spanische Prinzessin heiraten wollte, änderte er den Kurs und verfügte im Jahr 1497 für alle Juden, die sich nicht taufen lassen wollte, die Ausweisung. Auch in Spanien waren sie vor die Wahl gestellt worden, entweder katholisch zu werden oder zu gehen. Insgesamt hatten nach Schätzungen mehr als hunderttausend Sepharden damals die Halbinsel verlassen und sich in anderen europäischen Ländern, im Maghreb, sowie auf dem Balkan und im Nahen Osten angesiedelt. Dort behielten sie über Generationen ihre Sprache und die Pflege ihrer Kultur bei.

          Gegenwärtig wird die Zahl der Nachfahren weltweit auf mehr als 3,5 Millionen geschätzt. Im spanischen Justizministerium wird bislang indes mit maximal 90.000 Antragstellern gerechnet. Wie ein Beamter der spanischen Zeitung „El País“ sagte, „wären aber auch 200.000 kein Problem“. Vor allem Sepharden, die sich in ihren Heimatländern unterdrückt, benachteiligt und gefährdet glauben, oder wirtschaftlichen Krisen entkommen wollen, überlegen sich die iberischen Offerten. Ersteres gilt für jüdische Minderheit in islamischen Ländern, Letzteres für lateinamerikanische Staaten wie Kuba oder Venezuela.

          Die Gesetze wurden in Spanien und Portugal mit ziemlich einmütiger Unterstützung aller Parteien beschlossen. Vereinzelt kritisierten Linksparteien die Initiative der konservativen Regierungen in Madrid und Lissabon, weil damit „lästige Kontrollen“ verbunden würden. Einige Gruppen verlangten auch Wiedergutmachung für die Nachfahren der nach dem Fall von Granada im Jahr 1492 vertriebenen Muslime oder für die ehemals spanischen Staatsbürger, in der von Marokko in den siebziger Jahren annektierten Kolonie Westsahara.

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