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Australischer Rüstungspoker : Wie Frankreich die deutschen U-Boote ausgestochen hat

Und das Unterwasserrennen um einen Auftrag für 35 Milliarden Euro gewinnt Frankreich: Präsident Hollande präsentiert das Modell des U-Boots, das der französische Rüstungskonzern DCNS für Australien baut. Bild: AP

Früher waren Verhandlungen über Waffengeschäfte in Frankreich Chefsache. Nun hat der Verteidigungsminister den milliardenschweren U-Boot-Deal mit Australien an Land gezogen – mit schweigsamer Rüstungsdiplomatie.

          Die Franzosen nennen ihre Armee „die große Schweigsame“ und ihren Verteidigungsminister nannten sie bislang „den Schweigsamen“. Doch jetzt ist Jean-Yves Le Drian zum „großen Schweigsamen“ aufgestiegen. Allenthalben wird er in Paris gefeiert wie seit langer Zeit kein Sozialist mehr. Denn dem 68 Jahre alten Mann aus Lorient wird seine Rolle bei der Anbahnung des Milliarden-U-Boot-Geschäfts mit Australien zugeschrieben. Der etwas verschlossene, aber durchaus herzliche Bretone wacht seit Mai 2007 im Hôtel de Brienne, dem Stammsitz der Verteidigungsminister in Paris, über die Geschicke der Streitkräfte und oftmals auch der Rüstungsindustrie.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Unter Präsident Sarkozy waren Rüstungsverhandlungen als „Chefsache“ direkt dem Elysée-Palast unterstellt worden, aber Le Drian überzeugte François Hollande frühzeitig, die Kompetenz wieder an das Verteidigungsministerium abzugeben. Dies sollte sich spätestens bei den Verhandlungen über die Annullierung des Mistral-Geschäfts mit Russland als kluge Entscheidung erweisen. Mit viel Geschick wickelte Le Drian das unter Sarkozy geschlossene Geschäft über die zwei Hubschrauberträger ab und nutzte auch die Gelegenheit, den Führungsstab der Marinewerft DCNS neu zu ordnen. Schon damals folgte Le Drian nach Worten seiner Mitarbeiter dem Leitsatz, „nie über Geld, immer über Politik“ zu reden.

          „Wir haben uns mit Australien vermählt“

          Die australische Erfolgsgeschichte führt er ganz pragmatisch auf das gemeinsame Gedenken an den Ersten Weltkrieg zurück. Am 1. November 2014 wohnte der Franzose einer Feierstunde im Hafen von Albany im Westen Australiens zu Ehren des australischen Expeditionskorps bei, das auf den Schlachtfeldern Frankreichs gekämpft hatte. Das war die Gelegenheit für informelle Gespräche, sagen rückblickend Mitarbeiter, die bei den australischen Verantwortlichen das Bewusstsein für strategische Gemeinsamkeiten schärfte. Frankreich verkaufte nicht nur U-Boote, sondern eine „strategische Partnerschaft“, heißt es. „Wir haben uns für ein halbes Jahrhundert mit Australien vermählt“, sagte der Verteidigungsminister jetzt im Radiosender Europe 1.

          Das ständige UN-Sicherheitsratsmitglied Frankreich hat Australien mit den französischen Inselgruppen Neukaledonien und Polynesien auch geographische Nähe zu bieten. Das Zerwürfnis über die französischen Nukleartests auf Polynesien liegt inzwischen weit genug zurück, um die Beziehungen nicht länger zu belasten. Aber auch die starke Ausrichtung der ständigen französischen Militärstützpunkte in Djibouti und in Abu Dhabi auf den Indischen Ozean hat die Vorstellung einer strategischen Partnerschaft gestärkt. Australien und Frankreich gehören zudem der Koalition gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) an, die Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak und in Syrien fliegt.

          Verschlossen, aber durchaus herzlich: Der Bretone und Verteidigungsminister, Jean-Yves Le Drian, im französischen Parlament.

          In Canberra sei es „gut angekommen“, heißt es in Paris, dass Frankreich im vergangenen Winter seinen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ zur Verstärkung der Anti-IS-Koalition beorderte und damit einen amerikanischen Flugzeugträger ablöste, der auf diese Weise zur Überwachung des Chinesischen Meers zur Verfügung stand. Le Drian zog zugleich die Lehren aus dem Scheitern eines französischen Nuklearkonsortiums, dem 2009 wegen Dissonanzen unter den französischen Anbietern ein Milliardendeal in Abu Dhabi entging. Der Verteidigungsminister baute enge, vertrauliche Beziehungen zwischen der DCNS und Thales auf. Vorbild war das sogenannte Rafale-Team bestehend aus Dassault Aviation, Thales und Safran.

          Mit Rücktrittsforderungen konfrontiert

          Am 29. Februar reiste der Verteidigungsminister abermals nach Australien, dieses Mal nach Adelaide, um die mögliche Partnerwerft ASC zu besichtigen – und australische Veteranen des Zweiten Weltkriegs in die französische Ehrenlegion aufzunehmen. „Wenn es nötig gewesen wäre, wäre Jean-Yves zehn Mal nach Australien geflogen, aber er hätte niemals über Geld gesprochen“, sagte ein Mitarbeiter der Zeitung „Les Echos“. Schon beim Verkauf der Rafale-Kampfflugzeuge an Ägypten hatte der Verteidigungsminister eine aktive Reisediplomatie betrieben. Als Le Drian zu Wochenbeginn erfuhr, dass Frankreich beim U-Boot-Geschäft den Zuschlag erhält, war er gerade auf einem Schlachtfeld der Somme-Schlacht – um australische Kriegsveteranen zu ehren.

          Bei dem Jubel über das Verhandlungsgeschick Le Drians ist in den Hintergrund gerückt, dass der Bretone seit Ende Dezember wiederholt mit Rücktrittsforderungen konfrontiert wurde. Denn Le Drian verstößt gegen das Mandatshäufungsgebot. Er ist im Dezember an die Spitze des Regionalrats in der Bretagne gewählt worden. Le Drian stand aber auch in der Kritik, weil er sich bislang geweigert hat, in den Neubau des Verteidigungsministeriums, „Hexagon“, im 15. Arrondissement zu ziehen. Der kostspielige Glaskasten geht auf Sarkozy als Baumeister zurück und wird auch von vielen Offizieren nicht sonderlich geschätzt. Le Drian hat sich der Debatte bislang auf eigene Weise entzogen – mit Schweigen.

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