https://www.faz.net/-gq5-7yhir

Anschläge in Frankreich : Die geistigen Väter der Attentäter

Die „Medizin“ gegen die Diffamierung des Islam sei „Exekution“, sagt Anwar al Aulaqi Bild: AP

Die Terroristen von Paris hatten mehrere Idole – dazu gehören Al-Qaida-Führer ebenso wie der Kalif des IS. Sie sind Teil einer neuen Generation von Dschihadisten.

          3 Min.

          Als „Ghetto-Muslim“ hat sich Chérif Kouachi, der jüngere der Terroristenbrüder, bei seinem Prozess in Paris 2005 bezeichnet. Er sei nicht oft genug in die Moschee gegangen, habe Haschisch geraucht und mit seinen Kumpeln Rap gehört, sagte er vor Gericht. Doch im Sommer 2003 will er einen Wendepunkt in seinem Leben erlebt haben. Ein Freund habe ihn mit in die Adda’wa-Moschee in Paris genommen, dort hätten sie Farid Benyettou kennengelernt, schilderte Kouachi. Benyettou war nur ein Jahr älter, aber „er wusste alles über den Islam“. Das zumindest glaubte Kouachi, der in den Bann Benyettous geriet.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Dieser überzeugte seine Altersgenossen, dass sie zum Dschihad in den Irak aufbrechen sollten. „Farid hat mir von den siebzig Jungfrauen und einem großen Haus im Paradies erzählt. Es ging darum, im Kampf zu sterben oder ein Selbstmordattentat zu verüben“, gab Kouachi in einem Polizeiverhör zu Protokoll. Er hatte über Damaskus in den Irak reisen wollen, um sich dem Dschihad gegen die amerikanischen Besatzer anzuschließen.

          Aber er wurde am Flughafen in Paris von der Polizei festgenommen und zu drei Jahren Haft (davon anderthalb Jahre auf Bewährung) verurteilt. Sein Mentor Farid Benyettou, der das Dschihadisten-Netzwerk organisiert hatte, wurde in 2008 wegen der „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er kam schon 2011 aus dem Gefängnis und macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger im Krankenhaus Pitié-Salpétrière – in diesem Krankenhaus werden die Verletzten der Anschläge in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ derzeit behandelt.

          Eine Generation, geprägt von Usama Bin Ladin

          Hinter Gittern geriet Chérif Kouachi 2005 in den Bann eines neuen „Imam“: Djamel Beghal. Er saß wegen eines Attentatsprojekts gegen die amerikanische Botschaft in Paris ein. Von den Haftvollzugbeamten wird Beghal als charismatische Persönlichkeit beschrieben, der im Nu eine große Gruppe von Häftlingen um sich versammelt habe. Beghal ist im Jahr 2000 und 2001 in Afghanistan in Trainingslagern von Al Qaida ausgebildet worden.

          Das fasziniert Kouachi, ebenso wie Amedy Coulibaly, den Mörder und Geiselnehmer aus dem jüdischen Supermarkt, der sich ebenfalls dem Kreis um Beghal anschließt. Im Juni 2009 wird Beghal vorzeitig aus der Haft entlassen. Er steht weiterhin unter Überwachung, aber darf sich in Murat im Cantal in Zentralfrankreich niederlassen. Schnell wird Murat zum Pilgerort für die jungen Anhänger Beghals: die Kouachi-Brüder, Coulibaly und noch weitere junge Männer. Aus dem Gefängnis hat Beghal mitteilen lassen, er habe nichts mit den Anschlägen zu tun.

          Er gehört, wie auch die Kouachi-Brüder und Benyettou und seine Anhänger zu einer Generation von Dschihadisten, die von Al-Qaida-Gründer Usama Bin Ladin und dem amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ geprägt wurden. So erklären sich womöglich die Berichte, die das Brüderpaar in Zusammenhang mit dem Terrornetz bringen. Die „New York“ Times hatte unter Berufung auf Angaben amerikanischer Regierungsmitarbeiter berichtet, Saïd Kouachi sei im Jahr 2011 einige Monate in einem Trainingslager der Gruppe Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), dem jemenitischen Arm des Terrornetzes, gewesen.

          Einer der Aqap-Ideologen, der die Generation der Kouachis entscheidend prägte, war Anwar al Aulaqi, der 2011 bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet wurde. In den Sympathiebekundungen radikaler Islamisten nach dem Tod der Pariser Terroristen in den sozialen Netzwerken wurde Aulaqi zitiert: Gute Vorsätze reichten nicht aus, heißt es in dem zitierten Ausspruch. Man müsse nach dem Vorbild des Propheten zur Tat schreiten, um die Diffamierungskampagne gegen den Islam zu stoppen – und die „Medizin“ dagegen sei „Exekution“. Der ermordete Redaktionsleiter von „Charlie Hebdo“ stand auf einer Liste von Zielpersonen, die das Aqap-Propagandamagazin „Inspire“ zusammengestellt hatte.

          Welche Organisation steckt hinter den Pariser Anschlägen?

          Wenige Stunden nach dem Tod der Terroristen stellte sich Aqap als Urheber der Tat dar: Die dschihadistische Medienorganisation „Al Malahim“ die Aqap-Propaganda betreibt, verbreitete eine Audiobotschaft des „Scharia-Beauftragten“ der Gruppe. In seinen „Ausführungen über den gesegneten Kriegszug“ pries er, ohne allerdings auf Details der Operation einzugehen, die Attentäter als Helden und Soldaten Gottes, bezeichnete den Terror von Paris als Vergeltung für französische Aggression gegen den Islam und seinen Propheten Mohammed – und drohte mit weiteren Anschlägen.

          Der mutmaßliche Komplize der Brüder Kouachi, Amedy Coulibaly, stellte sich in den Dienst der dschihadistischen Konkurrenz. Er legte seinen Treueeid auf den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi, den Anführer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ab. Er sei ein „Soldat des Kalifats“, sagte er in einer nach seinem Tod verbreiteten Videobotschaft. Baghdadi hatte 2013 die Autorität von Al Qaida-Führer Ayman al Zawahiri in Frage gestellt und dessen Fatwa (ein Rechtsgutachten) zurückgewiesen, nach der er, Bagdadi, sich eigentlich auf den Irak konzentrieren und Syrien der Nusra-Front, dem syrischen Al-Qaida-Ableger überlassen sollte.

          Inzwischen ist er die Ikone einer neuen Dschihadistengeneration, der Generation Syrien, und hat Al Qaida in der Außenwirkung den Rang abgelaufen und die Organisation unter Druck gesetzt. Während sich die Al-Qaida-Führer verbergen mussten, predigte er öffentlich in seinem Reich. Seine Anhänger verüben nicht nur Terroranschläge, sie herrschen. Die Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 hat nach Einschätzung westlicher Geheimdienste in der Szene eine ähnliche Sogwirkung entfaltet, wie die Terroranschläge vom 11. September. Al Qaida dürfte also Interesse an einem spektakulären Anschlag im Westen haben.

          Bislang ist ungeklärt, welche Organisation hinter dem Terror von Paris steckt. Womöglich wirkten die Attentäter in Eigenregie und nur im Namen der konkurrierenden Organisationen – gegen den gemeinsamen Feind.

          Weitere Themen

          Gezielte Überrumpelung

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          „Die Politik ist gegen uns“ Video-Seite öffnen

          „Bauerndemo“ in München : „Die Politik ist gegen uns“

          In München und Bonn gingen mehrere Tausend Beschäftigte aus der Landwirtschaft auf die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. Tausende Landwirte appellierten mit Demonstrationen an Verbraucher und Politik, um positiver wahrgenommen und besser unterstützt zu werden.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.