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Französische Blauhelmsoldaten : Verschleppte Aufklärung eines Missbrauchsskandals

Gefälligkeiten von Kindern?: Französischer Soldat der Operation Sangaris Ende Mai in Bangui Bild: AFP

Wasser und Essen gegen Sex: Ungeheuerliche Vorwürfe erheben 14 Kinder in der Zentralafrikanischen Republik gegen französische Blauhelmsoldaten. Der eigentliche Skandal spielte sich aber in Paris und Genf ab.

          Der französische Verteidigungsminister spricht von „Verrat an den Kameraden“ und „Fahnenbeschmutzung“. Präsident François Hollande kündigt an, er werde „unerbittlich“ und „gnadenlos“ mit den möglichen Missetätern sein. Der Verdacht, ein Dutzend französischer Soldaten könne hungernde Kinder in der Zentralafrikanischen Republik sexuell missbraucht haben, bringt die französische Staatsführung mächtig auf. Dabei hatten Präsident und Verteidigungsminister zehn Monate lang versucht, die Affäre zu vertuschen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Frankreich hatte im vergangenen Juli gerade seine Streitkräfte bei der Militärparade auf den Champs-Elysées gefeiert, da landete auf dem Schreibtisch von Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian ein streng vertraulicher Bericht. In der Zentralafrikanischen Republik sollen französische Soldaten einheimische Kinder sexuell missbraucht haben, schrieben die Verfasser des Berichts vom Hohen Kommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen (UNHCHR).

          „Nahrung gegen Sex“

          Auf sechs Seiten legten sie die schweren Vorwürfe unter der Überschrift „Nahrung gegen Sex“ dar. Der Bericht umfasst ausführliche Zeugenaussagen. Vierzehn Kinder im Alter zwischen neun und 15 Jahren gaben vor einem UN-Mitarbeiter und einem Mitarbeiter des Kinderhilfswerks Unicef in Bangui zu Protokoll, wie sie von Soldaten zu „sexuellen Gefälligkeiten“ gezwungen wurden, um an Lebensmittelrationen zu gelangen. Einige Kinder wurden während der Zeugenaussagen von ihren Eltern begleitet, die meisten sind Waisen.

          Die Kinder konnten zehn der mutmaßlichen Täter beschreiben, von sechs kannten sie sogar die Namen. Sie berichteten, wie von ihnen Oral- und Analsex im Tausch gegen Nahrung, Trinkwasser und Geld verlangt wurde. Die jüngsten der befragten Kinder wussten nicht genau, wie ihnen geschah. Ein Junge berichtete dem UN-Mitarbeiter, dass er „das Böse“ erst begriffen habe, als seine Mutter ihn dafür geschlagen habe.

          Wahrheit oder Propaganda?

          Die Vorfälle sollen sich zwischen Dezember 2013 und Juni 2014 in der Umgebung des Flughafens von Bangui ereignet haben, wo die französische Armee ihr Hauptquartier errichtete. Am Flughafen liegt auch ein Flüchtlingslager, in dem damals mehr als 100.000 Menschen Schutz vor den Gewalttaten in der Hauptstadt und in vielen Landesteilen gesucht hatten. Die Zeitung „Le Monde“ zitierte „Quellen“ im französischen Verteidigungsministerium, wonach die Zeugenaussagen gegen die Soldaten Teil einer besonders perfiden Propaganda der Anti-Balaka gegen die französische Armee seien. Anti-Balaka sind bewaffnete Milizen, die im Bürgerkrieg in der Hauptstadt Bangui wiederholt auch französische Truppen angriffen.

          Seit dem 5. Dezember 2013 ist die frühere Kolonialmacht Frankreich militärisch wieder als Ordnungshüter in der Zentralafrikanischen Republik aktiv. Die Operation „Sangaris“ sollte eigentlich nur wenige Wochen dauern, so jedenfalls hatte es Präsident Hollande zunächst angekündigt. Doch jetzt sind immer noch 1700 französische Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz. Die französische Öffentlichkeit reagierte von Anfang an mit Skepsis auf den Einsatz. In Umfragen sank die Zustimmung rapide. Anfang 2014 plädierten zwei Drittel der Befragten für einen schnellen Abzug. Inzwischen werden keine Umfragen mehr gemacht.

          Juristische Aufarbeitung verschleppt

          Die geringe öffentliche Unterstützung mag erklären, warum die Staatsführung die möglichen Vorfälle verbergen wollte. Die französischen Soldaten der Operation „Sangaris“ waren immer als uneigennützige Retter und Wohltäter angepriesen worden. Zudem hatte Frankreich auch erfolgreich um Unterstützung der europäischen Partner bei der Mission der Befriedung und Stabilisierung des Landes geworben. Vom 1. April 2014 bis 1. März 2015 sicherten sogenannte Eufor-Truppen den Flughafen Bangui und leisteten logistische Hilfe. Nach einer Abstimmung im Bundestag entsandte auch die Bundeswehr achtzig Soldaten in die Zentralafrikanische Republik. Auch das sind Gründe, warum die Regierung in Paris nach Möglichkeit keine Zweifel am Verhalten ihrer Soldaten aufkommen lassen wollte. Mit der Verheimlichungsstrategie wurde jedoch die juristische Aufklärung verschleppt.

          Erst seit dem 7. Mai ermitteln drei Untersuchungsrichter in Paris wegen des Verdachts der Vergewaltigung von Minderjährigen gegen vierzehn Soldaten. Wie Le Drian am Mittwoch ankündigte, will er die Ergebnisse einer im vergangenen August abgeschlossenen internen Armee-Untersuchung der Justiz zur Verfügung stellen. Der Generalinspekteur der französischen Streitkräfte, General Patrick Lefebvre, war am 1. August 2014 angewiesen worden, die Vorwürfe zu überprüfen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts.

          Sie hätte vermutlich auch bis heute nichts erfahren, wenn nicht ein ranghoher Mitarbeiter des UN-Menschenrechtskommissariats in Genf, der Schwede Anders Kompass, die Geduld verloren hätte. Journalisten der britischen Zeitung „The Guardian“ berichteten am 29. April über den Verdacht gegen die französischen Soldaten. Gegen Kompass lief da schon ein internes Disziplinarverfahren, weil er mit der Weitergabe des Berichts an die französischen Verantwortlichen vorgeblich gegen UN-Verfahren verstoßen habe. Seine Vorgesetzte beim UNHCR, Flavia Pansieri, will Kompass entlassen. Sein Arbeitsverhältnis ist bis auf weiteres suspendiert.

          Kompass bezichtigt hingegen seine Vorgesetzten, die Aufklärung bewusst verschleppt zu haben. Nicht nur französische, auch afrikanische Soldaten unter UN-Mandat sollen in den Kindermissbrauchsskandal verwickelt sein. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon kündigte am Mittwoch unabhängige Ermittlungen der Vereinten Nationen an. Präsident Hollande hatte schon Ende Mai die Präsidentin der Zentralafrikanischen Republik, Catherine Samba-Panza, im Elysée-Palast empfangen. Beide versprachen danach eine „schonungslose Aufklärung“.

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