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Attentäter in Paris : Getrieben vom Wunsch, Märtyrer zu werden

Der Moment des Zugriffs: Explosion im Eingangsbereich des Supermarktes, in dem Amedy Coulibaly die Geiseln gefangen hielt Bild: Reuters

Während noch nach einer vierten Verdächtigen gefahndet wird, beginnt in Frankreich die kritische Aufarbeitung der Ereignisse der letzten drei Tage. Neue Einzelheiten der Polizeieinsätze werden bekannt.

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          Auch am Tag nach dem Ende der blutigen Geiseldramen im Ballungsraum Paris lässt die Anspannung in Frankreich kaum nach. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve teilte am Samstag mit, dass die höchste Alarmstufe des Sicherheitsplanes „Vigipirate“ in der Region aufrechterhalten bleibe. Der französische Präsident François Hollande hatte am Vorabend gesagt, dass „die Bedrohungen nicht beendet sind“.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Unterdessen wird die Freundin des Attentäters Amédy Coulibaly, die 26 Jahre alte Hayat Boumeddiene, weiterhin gesucht. Sie gilt als gefährlich und hatte in der Vergangenheit engen Kontakt mit radikalen Islamisten. Im Internet kursiert ein Bild, wie sie verschleiert mit einer Armbrust auf die Kamera zielt. Im vergangenen Jahr soll sie mit der Frau eines der anderen Geiselnehmer rund fünfhundert Mal telefoniert haben.

          Hayat Boumeddiene stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ihre Mutter starb, als sie sechs Jahre alt war, danach wuchsen sie und ihre sechs Geschwister unter staatlicher Obhut auf, da sich ihr Vater nicht um die Kinder kümmern konnte. Nach Medienberichten verlor sie ihren Job als Kassiererin, weil sie darauf bestand, einen Nikab, einen Gesichtsschleier, zu tragen.

          Was vom Tathergang bekannt ist

          Gleichzeitig beginnt die kritische Aufarbeitung der spektakulären Ereignisse. Neue Details werden bekannt, welche die Dramatik der Abläufe sowie den Organisationsgrad auf beiden Seiten beleuchten – den der Sicherheitskräfte und der Terroristen. Der Freitag beginnt mit einer Geiselnahme in einem Vorort von Paris nahe dem Flughafen Charles-de-Gaulle-Roissy. Die Todesschützen der Anschläge auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“, die Brüder Chérif und Saïd Kouachi, haben die Nacht in einem Waldstück verbracht.

          Die Anschläge in Frankreich in der Übersicht
          Die Anschläge in Frankreich in der Übersicht : Bild: F.A.Z.

          Am Vormittag bemächtigen sie sich mit Waffengewalt des Wagens einer Autofahrerin und liefern sich eine Schießerei mit der Polizei. Dabei wird Saïd leicht am Hals verletzt. Die beiden schwer bewaffneten Männer flüchten in eine kleine Druckerei und halten dort zunächst deren Chef fest. Ein Geschäftspartner trifft am Eingang auf den Firmenchef in Begleitung eines bewaffneten Mannes, der einer der Attentäter ist, aber angibt, Polizist zu sein. Die drei schütteln sich die Hände. Der Bewaffnete fordert die beiden Männer zum Verlassen des Firmengeländes auf: „Wir töten keine Zivilisten“, ruft er ihnen noch zu.

          Interview mit Sender BFM-TV

          Es ist einer der hochgefährlichen Kouachi-Brüder, die am Mittwoch 12 Menschen kaltblütig erschossen haben. Was die Brüder nicht wissen: Im Obergeschoss versteckt sich in der Kantine in einem Schrank unter einem Waschbecken ein weiterer, 26 Jahre alter Firmenmitarbeiter. Er kommuniziert bis zum Ende des Geiseldramas am späten Nachmittag mit den Sicherheitsbehörden und kann ihnen Informationen über die Geiselnehmer übermitteln.

          Im Lauf des Tages telefonieren die Attentäter auch mit dem Fernsehsender BFM-TV. Chérif Kouatchi teilt in ruhigem Ton mit, dass Al Qaida die Brüder „finanziert und geschickt“ habe, besonders der amerikanisch-jemenitische Scheich Anwar al Awlaki, der wahrscheinlich bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet wurde. Auch die Experten der Spezialeinheit GIGN hinterlassen Nachrichten auf den Handys der Attentäter, doch die Geiselnehmer antworten nicht.

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