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Papst Johannes Paul II. : Toröffner für Christus

  • -Aktualisiert am

Johannes Paul II. war der erste Slawe auf dem Papstthron und starb 2005. Er wurde 2014 von Papst Franziskus heilig gesprochen. Bild: dpa

Papst Johannes Paul II. war ein Menschenfischer. Nun soll der „eilende Papst“ heiliggesprochen werden - so schnell wie kaum ein Oberhaupt der katholischen Kirche vor ihm.

          Wohl noch im Dezember, also nur gut acht Jahre nach seinem Tod, soll Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen werden. Damit endet der wohl schnellste Prozess einer Heiligsprechung der jüngeren Kirchengeschichte, und alle Schattenseiten seines Episkopats scheinen wie vergessen. Am 2. April 2005 war der erste Slawe auf dem Papstthron, Karol Józef Wojtyla, nach 26 Amtsjahren und fünf Monaten mit knapp 85 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Die Welt erlebte sein Sterben mit, wenn er auf einer Liege am offenen Fenster seiner Wohnung kaum mehr sprechend am Angelus-Gebet teilnahm. Das Letzte, was die Menschen auf dem Petersplatz von Johannes Paul II. sahen, war seine schwache, aber noch segnende Hand.

          Schon am 1. Mai 2011 sprach ihn sein Nachfolger Benedikt XVI., der ihn als Chef der Glaubenskongregation theologisch beraten hatte, selig. Dabei beteuerte Benedikt, bei dem bürokratischen Prozess sei keine Etappe übersprungen worden. Es sei nur schneller gegangen als gewöhnlich. Dann erinnerte Benedikt an die Totenmesse, bei der auf dem Sarg von Johannes Paul auf den Stufen vor Sankt Peter das Evangelium gelegen hatte. Der Wind hatte mit den offenen Seiten des Buches gespielt, als wollte er dem Verstorbenen bei seiner Lesung helfen, und Benedikt sagte über Johannes Paul: „Schon an jenem Tag spürten wir den Duft seiner Heiligkeit ausströmen; und das Volk Gottes brachte auf vielfältige Art seine Verehrung für ihn zum Ausdruck.“ Außerdem erinnerte Benedikt an das Motto des polnischen Papstes, mit dem er sein Amt angetreten hatte: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“

          Der authentische Papst begeisterte die Welt

          Das tat der „eilende Papst“ dann auch selbst, indem er auf 104 Auslandsreisen in 127 Ländern für den Glauben warb. Erst durch diese Reisen auch zu den Ärmsten wurde die katholische Kirche wirklich Weltkirche. In Johannes Paul II. sahen die Menschen aber nicht nur die Institution Papst, sondern auch den früheren Widerstandskämpfer gegen die NS-Besatzung in Polen, den jugendlichen Fußball- oder Schauspieler. Sie feierten ihn als den Mann, der mit seiner Hilfe für die polnische Freiheitsgewerkschaft Solidarność dazu beigetragen hatte, die Mauer zwischen Ost und West einzureißen; und selbst Ungläubige verehrten ihn, weil sie zu spüren meinten, dass er bei einem Gebet wirklich mit Gott sprach.

          Johannes Paul II. war ein Menschenfischer. Als ich mich dem Papst im Sommer 1983 bei einer seiner Polen-Reisen vorstellen durfte, erlebte ich, wie Johannes Paul II. ins Deutsche wechselte und auf mich einging, Fragen stellte, so, als habe er schon immer mit mir reden wollen. Der authentische Papst begeisterte die Welt. Derweil wurschtelte die Kirche vor sich hin.

          Johannes Paul II. entwickelte die Anstöße zu Reformen durch das II. Vatikanische Konzil nicht so dynamisch weiter, wie es sich viele Christen gewünscht hätten. Der Traum des Konzils vom gemeinsamen Abendmahl von Katholiken und Evangelischen rückte in die Ferne. Die Idee, Frauen mehr Befugnisse in der Kirche einzuräumen, kam kaum voran. In seiner Begeisterung für charismatische Bewegungen förderte Johannes Paul nicht nur die römische Laiengemeinschaft Sant’Egidio, die Tafeln für die Armen deckt und weltweit für den Frieden wirkt; Johannes Paul II. ließ auch den Gründer der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel Degollado ungehindert wirken; er hörte offenbar weg, wenn ihm berichtet wurde, dass dieser Geistliche Schutzbefohlene missbrauchte, mit Frauen schlief und wenig sorgsam mit Geld umging. Benedikt XVI. erbte von seinem Vorgänger die gesamte Last der Missbrauchsskandale weltweit; trotz aller Warnungen auch durch Kardinal Ratzinger hatte Johannes Paul II. offenbar selbst nicht aktiv werden wollen.

          Mit vollem Herzen

          Johannes Paul II. interessierte sich auch nicht für die Kurie. Im Nachhinein heißt es, seine „polnische Umgebung“ im Vatikan habe ihm „den Rücken freigehalten“. So konnten sich ohne seinen Einspruch die Korrupten beim Institut für die religiösen Werke (IOR) bedienen. Die schwulen Seilschaften, die sich beim Aufstieg in der Kirche halfen, hatten ihre Chance. Kardinal Ratzinger stand zunächst als Chef der Glaubenskongregation im Schatten des Charismatikers; als er dessen Nachfolger wurde, musste er im Rampenlicht die Schmutzarbeit nachholen. Er trage die Heiligsprechung von Johannes Paul II. mit vollem Herzen mit, heißt es von Benedikt, weil es die Volkskirche so wolle.

          Der neue Papst Franziskus denkt theologisch wie Vorgänger Benedikt, und wie sein Vorvorgänger Johannes Paul II. ist er ein Mann der Volkskirche und Volksfrömmigkeit. Aber Franziskus hat sich die Reform der Kurie und der Kirche vorgenommen, die Johannes Paul II. kaum interessierte und an der Benedikt aus Altersschwäche scheiterte.

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