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Ostukraine : Wo die Logik der Friedensstifter versagt

Unbeliebt: In Schyrokine sind die OSZE-Beobachter nicht gern gesehen. Bild: AP

Tagelange Artillerieduelle und eine Front mitten durchs Dorf: Im ukrainischen Schyrokine bei Mariupol wird fast täglich gekämpft. Die OSZE versucht seit Monaten vergeblich, Ruhe in den Ort zu bringen. Doch die Bewohner schwören auf ihre Waffen.

          Am Rand der Stadt, wo die Blocks sich im offenen Hügelland verlieren, bleiben sie manchmal stehen, wenn sie die Hunde ausführen, und lauschen den Kanonen. Jedesmal klingen sie anders. Mal liegt nur ein leises Grollen über der Steppe, dann wieder, wenn die Stellungen nahe sind, zerreißt gellendes Krachen die Luft. Dann fangen die Autosirenen an zu dudeln und die Hunde bellen. Die Menschen aber gehen weiter, als sei nichts. Die Front ist weit genug.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit die ukrainischen Truppen in der Stadt im Februar die russischen Kämpfer auf der anderen Seite ein Stück vom Stadtrand fortgedrängt haben, ist die Distanz zu groß für die Raketenwerfer, die vorher immer wieder in die Wohnviertel geschossen hatten.

          Zuletzt, am 24. Januar, waren hier in den östlichen Bezirken an einem Tag 30 Menschen getötet und 118 verletzt worden, aber seit die Front weiter weg ist, ist nichts mehr passiert. So bleiben sie höchstens ein wenig stehen, wenn der Donner rollt, und schauen die Pappelreihe entlang, Richtung Schyrokine.

          Umkämpftes Gebiet: Mariuppol in der Südostukraine. Zur Vergrößerung bitte anklicken.

          In Schyrokine wird jeden Tag gekämpft

          Das Dörfchen Schyrokine, gute 22 Kilometer vom östlichen Rand der ukrainischen Hafenstadt Mariupol entfernt, ist einer der Brennpunkte des russischen Interventionskrieges in der Ukraine. An den meisten übrigen Frontabschnitten haben die Kämpfe nachgelassen, seit die Präsidenten Frankreichs, Russlands und der Ukraine zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Februar in der weißrussischen Hauptstadt Minsk die geltenden Waffenstillstandsvereinbarungen erneuert und ausgebaut haben.

          Hier aber kämpfen sie immer noch fast jeden Tag. Die Beobachter der OSZE notieren regelmäßig schwere Waffen auf beiden Seiten, obwohl das laut dem Minsker Abkommen längst nicht mehr sein dürfte. Regelmäßig sterben Menschen.

          Die Kämpfe haben viele Gründe. Zum einen beherrscht Schyrokine mit seinen früher 1200 Einwohner (heute sind nach monatelangen Kämpfen noch knapp vierzig da), die Straße E58, die Russland über das ukrainische Mariupol mit der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer verbindet. Diese gehört zur Ukraine, ist aber im März 2014 von russischen Truppen besetzt worden und hat bis heute keine Landbrücke zur Russischen Föderation. Manche fürchten deshalb, der nächste russische Vorstoß könnte dieser Straße folgen, um die Küste des Asowschen Meeres entlang die Verbindung zur Krim zu erobern. Das Dorf Schyrokine müsste dann als erstes fallen, die Hafenstadt Mariupol als zweites.

          Der andere Grund für das ständig neue Aufflackern des Konflikts ist gewissermaßen hausgemacht: an kaum einer anderen Stelle der Front stehen Ukrainer und prorussische Kämpfer sich so nahe gegenüber. Üblicherweise ist das Niemandsland zwischen den Linien mehrere Kilometer breit, man schießt über die Leere hinweg mit Geschützen und Raketenwerfern aufeinander, ohne je zu sehen, wer schießt, und wer getroffen wird. In Schyrokine aber geht die Front mitten durchs Dorf. Manchmal stehen die Feinde sich auf Handgranatendistanz gegenüber.

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