https://www.faz.net/-gq5-7wzse

Ukraine : Die Jakobiner der Revolution

Vom Flugfeld zum Schlachtfeld: Angehörige des „Ukrainischen Freiwilligenkorps“ gehen nahe dem Flughafen von Donezk in Stellung Bild: Alexander Tetschinski

In einem Dorf in der Ostukraine kämpft ein Freiwilligenkorps, das offiziell gar nicht existiert, mit Waffen, die es eigentlich nicht besitzen sollte. Es sind Angehörige des „Rechten Sektors“. Ein Frontbericht.

          Hier also, hinter der Maschinenstation, wo das Rollfeld sich öffnet: die Männer vom „Rechten Sektor“, die „Nazis“, von denen das russische Fernsehen spricht, die „Antisemiten“, welche die Ukraine nach der Revolution vom vorigen Winter in eine faschistische Hölle verwandelt haben sollen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Zeit ist Ende November, der Ort heißt Piski, ein Dörfchen gleich westlich vom Donezker Flughafen, wo der Kampf ums Donbass so heftig tobt wie nirgendwo sonst. – Oder besser: Dies war einmal Piski, denn kein Haus ist mehr ganz, und die paar Bewohner, die noch nicht geflohen sind, weil die kranke Mutter nicht von hier fortkann oder weil es sonst keinen Platz für sie gibt auf der Welt, leben ohne Strom und Heizung von dem Dosenfleisch, das die Soldaten ihnen geben.

          Vorne, im zerbombten Maschinenlager der Kolchose, versuchen die Männer gerade, die Kanone in Stellung zu bringen. Geradeaus liegt das Rollfeld, hinter den Ruinen des Terminals dann die Stellungen der „Separas“, wie man die separatistischen Feinde hier nennt.

          Alle hier haben Kampfnamen

          Diese Kanone sollte es zwar gar nicht geben, und die Kämpfer, die an ihr zerren, um die drei Tonnen Stahl aus dem Graben zu kriegen, noch viel weniger. Das „Ukrainische Freiwilligenkorps“ (DUK), der militärische Arm des „Rechten Sektors“, existiert offiziell nicht. Diese Männer und Frauen unterstehen keinem Ministerium, und eigentlich sollten sie auch keine Waffen haben.

          Soldaten des Freiwilligenkorps vor einem Maxim-Maschinengewehr aus der Zarenzeit Bilderstrecke

          Trotzdem haben sie sich irgendwo diese „Rapira“ besorgt, eine sowjetische Panzerabwehrkanone samt Granaten. Keiner weiß, wie man dies Ungetüm bedient, und jetzt stehen sie da und versuchen es einfach: Hände auf die Ohren – und Feuer! Jeder Schuss ein Donnerschlag, die Einschläge weiß der Teufel wo. Weil keine Zugmaschine da ist, haben sie die Kameraden von der regulären Armee gebeten, ihnen einen Panzer zu leihen. Mit einer Stahltrosse ums Rohr zerrt der die Kanone zurecht, wenn die Schüsse zu weit abdriften.

          Weiter hinten der Stützpunkt. Der Zug des Kommandanten „Sitsch“ (alle haben hier Kampfnamen, und „Sitsch“ steht für die Kosakenstaaten der ukrainischen Vorzeit) hat sich im Keller eines zerbombten Hauses eingerichtet. Dämmerlicht, Schlafsäcke, Speck und Gurken, Patronen, Granaten, Schuhe und Zwiebelsäcke. DVDs mit Kriegsfilmen und sowjetischen Komödien. Irgendjemand hat aus beschädigten Ziegeln, den Resten des Dorfes, einen Ofen gebaut, der bullert und raucht und die Katzen anzieht.

          Zwischen Hering und Kohlsuppe: Sprengstoff

          Sitsch ist ein Mann um die fünfundfünfzig. Bärtig, herzlich, unerbittlich, unerschöpflich im Männervokabular der Kasernen, wenn er die Jungs zusammenstaucht. Der Vater war Russe aus Astrachan, die Mutter Ukrainerin von der polnischen Grenze. Bis vor kurzem war Sitsch Geschäftsmann im nationalbewussten Westen der Ukraine, jetzt befehligt er diesen Zug von etwa 20 Mann.

          Die Pressestelle des Korps sagt, das DUK habe 450 Mann unter Waffen – wobei „unter Waffen“ vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist. Da diese Einheit keinen offiziellen Status hat, weil sie niemandem untersteht und eigentlich nicht mehr ist als eine Bürgerinitiative mit Kalaschnikows, sollte sie eigentlich gar nichts besitzen, was schießt.

          Weil aber in der Ukraine vieles möglich ist, sind die Unterstände trotzdem voll von Patronen und Granaten, und auf dem Esstisch liegt zwischen Hering und Kohlsuppe, unschuldig wie ein Stück Butter, ein gelbes Päckchen TNT. Irgendwo, sagen sie, hätten sie es aufgetrieben, jetzt fehlten nur noch die Zünder.

          Weitere Themen

          Auch Merkel wurde überrascht Video-Seite öffnen

          Irans Außenminister bei G-7 : Auch Merkel wurde überrascht

          Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif war am Sonntag überraschend beim G7-Gipfel in Biarritz eingetroffen, um Lösungen im Streit über das Atomprogramm seines Landes zu sondieren.

          Wer reden will, soll ruhig reden

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.