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Ukraine : Die Jakobiner der Revolution

Seit den Großdemonstrationen des Majdan glauben diese Kämpfer, „das Volk selbst“ zu sein, und ihr tiefes Misstrauen gegen das korrupte Regime Janukowitsch hat sich auf die heutige Führung übertragen. Institutionen, das Parlament, selbst der gewählte Präsident stehen unter Generalverdacht: „Die wollen uns doch nur verkaufen“, sagt Sitsch – an die Oligarchen, an die Gangster, an Russland.

Theorien über Verrat und Ausverkauf

Jarosch, der Führer des „Rechten Sektors“, steht hier ganz vorne. Im August hat er einmal einen „Marsch auf Kiew“ angedroht, um den vermeintlichen Sumpf der Hauptstadt trockenzulegen, und im Oktober hat er damit geprahlt, er könne jederzeit „mehrere Bataillone“ losschicken „und die Regierung erledigen“. Vermutlich ist das weit übertrieben, in Wahrheit ist sein Rückhalt minimal. Bei der Präsidentenwahl im Mai gewann er gerade 0,7 Prozent, in das im Oktober gewählte Parlament wird sein „Rechter Sektor“ nur einen einzigen Abgeordneten schicken: ihn selbst.

Vielleicht haben solche Misserfolge das Misstrauen dieser militanten Milieus gegen Kiew nur noch weiter angefacht. Die Kämpfer des „Rechten Sektors“ in Piski sind jedenfalls voll von Theorien über Verrat und Ausverkauf an Moskau. Wie ihr Führer Jarosch sind auch sie überzeugt, die Linie Präsident Petro Poroschenkos, Russlands Intervention einen Friedensplan und einen Waffenstillstand entgegenzusetzen, sei im Kern nur Kapitulation.

Julija hat es, an ihrer Damenzigarette ziehend, unter fernem Kanonendonner klar gesagt: „Die in Kiew, das sind Kollaborateure, die das Land verkaufen.“ „Ja“, hat Sitsch hinzugefügt. „Und nicht vergessen: Feind Nummer eins, das ist Moskau, aber Feind Nummer zwei, das ist Kiew. Wenn es nach unserem Oberkommandierenden ginge, wäre längst die Hälfte der Ukraine verloren.“

Die Revolution geht weiter

Sie sind die Jakobiner dieser Revolution. Der Krieg führt für sie fort, was der Majdan begann, der Impuls der Revolte überdeckt alles andere. Dass Präsident Poroschenko, dass die neue Kiewer Elite mittlerweile durch zwei demokratische Wahlen bestätigt worden sind, beeindruckt hier an der Front niemanden.

Weil der Staat korrupt ist, darf die Revolution alles – wie weit dieser Grundsatz gehen kann, belegen Sitschs Erzählungen aus seiner Heimat im wolhynischen Luzk. Wenn er zu Hause ist, auf Fronturlaub, geht er dort für sein Bataillon Spenden sammeln – und das wenige, was er von diesen Sammeltouren erzählt hat, klingt mehr nach PKK als nach Heilsarmee.

Bei den „Blutsaugern“ klopft er da an die Tür, zusammen mit seinen Freunden, bei all den „fetten Katzen“, die in den Gangsterjahren „das Land geplündert“ hätten. Selten komme er von „diesen Typen“ ohne „Spende“ wieder, da gebe es dann „harte Gespräche“, wenn auch – natürlich – „ohne Waffen“. „Lieber schüttle ich zehn solche Lumpen durch, als dass ein einziger meiner Männer hier stirbt, weil wir keine Schutzwesten haben.“

Die Revolution geht weiter, und „wo das Volk sein Recht nicht bekommt, muss es sein Recht eben holen“. Die Männer nicken, die Kerze ist heruntergebrannt, in der Dunkelheit hört man das ferne Wummern der Raketenwerfer. „Ja“, sagt der Chef dann noch, „wir wollen Europa. Aber ohne Blut geht das nicht.“

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