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Ukraine : Die Jakobiner der Revolution

Da ist „Rudo“, ein Armenier mit fünf Kindern und einem Enkel, der schon in Abchasien „gegen das russische Imperium“ gekämpft hat, da ist „Moldovan“, ein Moldauer rumänischer Herkunft. Höchstens die Hälfte hier sind ethnische Ukrainer.

Trotz dieser bunten Mischung würde der „Rechte Sektor“ nie bestreiten, eine „nationalistische“ Organisation zu sein. Die nationale Tradition der antisowjetischen ukrainischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg ist ihm (trotz deren Verstrickung in die Verbrechen der Nazis) heilig, und auch Sitsch distanziert sich nicht von diesen umstrittenen Wurzeln – allenfalls bringt er vor, auch England und Frankreich hätten schließlich mit Hitler kooperiert.

„Putin, fick dich“

Warum sollte armen ukrainischen Bauern übelgenommen werden, was den Großen der Welt damals durchging? Die antisowjetischen Partisanen der „Ukrainischen Aufstandsarmee“ hätten sich damals, eingekeilt zwischen Hitler und Stalin, ja lediglich für das „geringere Übel“ entschieden.

Der Stolz dieser Kämpfer auf die Ukraine ist überall präsent, aber es ist kein Nationalismus, der etwa mit dem Rassenwahn deutscher Nazis vergleichbar wäre. Wissenschaftler wie Taras Kuzio haben darauf hingewiesen, dass der ukrainische Nationalismus „postkolonial“ geprägt ist – also anders als seine deutsche oder russische Spielart nicht auf Eroberung abzielt, sondern auf Befreiung von russischer Bevormundung.

Antirussische Witze und – wie jetzt bei Hering und Alkohol – auch saftige Trinksprüche „auf das Ende des russischen Imperiums“ sind unter den Männern und Frauen von Piski ununterbrochen zu hören. Russlands Präsident ist der Feind Nummer eins. Auf die Nummernschilder ihrer Autos haben die Kämpfer die Buchstaben „PTN PNC“ (ein russisches Kürzel für „Putin, fick dich“) geprägt, und an Sitschs Stoßstange prangt ein Dildo mit der Aufschrift „Wladimir Wladimirowitsch“.

Auch noch eine andere Spielart des Nationalismus ist hier erkennbar. „Nationalismus heißt, die Nation gegen die Banditen zu verteidigen“, sagt ein Kämpfer mit dem Pseudonym „Robin“ in der Krankenstation – „gegen die Gangster, die uns so lange geplündert haben“. Julija stimmt ihm zu: Man müsse „diese Vampire rauswerfen“, die vor der Revolution das Land ausgesaugt hätten.

Der Kampf gegen die Obrigkeit hat nie aufgehört

Diese „linke“ oder „klassenkämpferische“ Variante des Nationalismus knüpft direkt an die Tradition des Kiewer „Majdan“ an, als Hunderttausende von Demonstranten im vorigen Winter den Clan des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch stürzten. Die Menschen haben sich schon damals als „das Volk“ empfunden und ihre Aufmärsche als „Volksversammlung“. Die „Nation“ hat sich hier nicht gegen einen äußeren Feind definiert, sondern gegen die „Banditen“ im Inneren.

Hier wird verständlich, warum der „Rechte Sektor“ nach wie vor als „radikal“ gilt. Für diese Männer und Frauen nämlich hat der „Majdan“, der bedingungslose Kampf gegen eine korrupte Obrigkeit, nie aufgehört. Von den Kämpfern in Sitschs Unterstand sind fast alle in Kiew dabei gewesen: der Kommandant selbst, Julija, der Armenier Rudo und auch Iwanka, die Sanitäterin, eine sommersprossige Medizinstudentin aus dem westukrainischen Ternopil. Der „Rechte Sektor“ war damals schon dafür berühmt, dass er im Straßenkampf staatliche Gewalt mit Gegengewalt beantwortete, und bis heute ist der antistaatliche, anarchistische Impuls von damals wach.

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