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Ost- und Westukraine : Sollbruchstelle durch ein ganzes Land

Bild: F.A.Z.

Jahrhundertelang gehörte der Westen der Ukraine nicht zu Russland. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg begann die Herrschaft Moskaus – mit Hunger, Terror und Massenmord. Im Osten sah die Lage anders aus: Analyse einer historischen Spaltung.

          Nicht nur auf der Krim, wo die Bevölkerungsmehrheit „russisch“ empfindet und russische Heldenmythen auf Schritt und Tritt gleichsam mit Händen zu greifen sind, ist in den vergangenen Tagen die Fahne Russlands gehisst worden. Auch in anderen Teilen des zweitgrößten europäischen Landes gehen pro-russische Demonstranten auf die Straße. Vor allem der industrialisierte Osten und der Süden der Ukraine sind Brennpunkte – die Stahl- und Kohle-Region Donbass mit der Millionenstadt Donezk, und das Industrie- und Universitätszentrum Charkiw, nach der Hauptstadt Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine. In Donezk wehte am Wochenende die russische Trikolore vom Gebäude der Regionalverwaltung.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist schon länger eine gängige These unter Historikern und Politikwissenschaftlern, dass die Ukraine, die sich erst 1991 von der Sowjetunion löste, im Falle einer Krise von der Spaltung bedroht sein könnte. Im mehrheitlich russisch sprechenden Osten und im Süden hat der Wille zur Unabhängigkeit viel weniger tiefe Wurzeln als im ukrainisch sprechenden Westen und in der Zentralukraine mit der Hauptstadt Kiew.

          Zwischen zwei Zivilisationen

          Der Politologe Samuel Huntington sah zwischen den ungleichen Teilen der Ukraine sogar eine jener Bruchlinien zwischen zwei „Zivilisationen“ verlaufen, an denen sich nach seiner düsteren Prophezeiung die Konflikte der Zukunft  entzünden würden. Dass Moskau diese Bruchlinie nutzen würde, um das  Land, das so lange zum russischen und dann zum sowjetischen Imperium gehörte, zu destabilisieren und in neue Abhängigkeit zu führen, ist schon seit einiger Zeit erkennbar gewesen.

          Zwar schien es lange, als setze der russische Präsident Putin darauf, mit wirtschaftlichem Druck und finanziellen Versprechen die gesamte Ukraine unter seine Kontrolle zu bekommen. Aber als „Plan B“ für den Fall, dass in Kiew der auf Unabhängigkeit bedachte „Majdan“ sich nicht würde besiegen lassen, haben russische Präsidentenberater wie Sergej Glasjew zuletzt immer schon von einer „Föderalisierung“ der an sich zentralstaatlich verfassten Ukraine gesprochen – die Formel wurde schnell als das erkannt, was sie war: als Drohung mit der Unterstützung separatistischer Tendenzen im Osten und Süden. Was in diesen Tagen geschieht, scheint nichts anderes zu sein als die Verwirklichung dieses Modells.

          Mit Gewalt und Hunger sowjetisiert

          Dass die verschiedenen Regionen der Ukraine so unterschiedlich zu Russland und zur eigenen nationalen Identität stehen, hat historische Ursachen. Der Westen, wo die ukrainische Sprache und das ukrainische Nationalgefühl am stärksten verwurzelt sind, hat über Jahrhunderte nicht zu Russland gehört, sondern zur Habsburger-Monarchie und dann zu Polen. Erst mit dem deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 begann hier die Herrschaft Moskaus – und da der Diktator Stalin sich mit Terror und Massenmord einführte, ist bis heute eine starke antirussische Note ein Grundelement des westukrainischen Nationalgefühls. In der Zentralukraine, wo Stalin in den dreißiger Jahren Millionen Menschen durch eine absichtsvoll organisierte Hungersnot  – den  „Holodomor“ – vernichtete, ist die Gefühlslage ähnlich.

          Anders liegen die Dinge in den ostukrainischen Industriegebieten und im Süden mit der Krim. Die Schwarzmeerküste war bis zum 18. Jahrhundert stark muslimisch geprägt. Osmanen und Tataren gaben hier den Ton an, und erst unter Zarin Katharina der Großen richtete das russische Reich hier Mitte des 18. Jahrhunderts eine bleibende Herrschaft auf. Seither sind die Schwarzmeerküste mit den großen Städten Odessa und Sewastopol russisch geprägt – und eben nicht ukrainisch, weil die Eroberung ja von russischen Truppen und Generälen vorgenommen wurde. Vor allem Sewastopol,  das mehrmals – im Krimkrieg von 1853 bis 1856 und dann wieder im Zweiten Weltkrieg blutig gegen fremde Eroberer verteidigt werden musste, hat einen festen Platz im Pantheon der großrussischen Heldensagen.

          Eine „Sowjetunion im Kleinen“

          Die besondere Mentalität des russisch sprechenden Ostens hat dagegen in der Zeit der Industrialisierung unter Stalins Herrschaft ihre Wurzeln. Die Millionenstädte dieser Region, vor allem Charkiw und Donezk, wurden damals forciert entwickelt; aus der ganzen Sowjetunion kamen Arbeitsbrigaden, die Löhne waren höher als anderswo, und die Läden waren besser ausgestattet. Die Einwanderer verdrängten die ukrainische Sprache, und es entstand eine Industrieregion, die manche als eine „Sowjetunion im Kleinen“ beschrieben haben.

          Trotz der Vorherrschaft des Russischen und der starken Verwurzelung „sowjetischer“ Denkmuster im Osten und Süden sind diese Regionen in den vergangenen  Jahren nicht offen separatistisch gewesen. Die großen Oligarchen, die sie beherrschten, hatten zwar mit ukrainischem Patriotismus nichts zu schaffen, aber sie wussten, dass ihre Wirtschaftsinteressen mindestens ebenso im Westen lagen wie in Russland. Vor allem wollten sie lieber Herren im eigenen Lande sein, als das Schicksal russischer Oligarchen zu erleiden, die – Michail Chodorkowskij an der Spitze – von Putin entmachtet und eingekerkert worden sind.

          Vierzig Prozent der Bevölkerung unentschieden

          Eine Umfrage aus dem Jahr 2012, dem Jahr der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und in Polen, als die Oligarchenherrschaft hier ihren Höhepunkt erreicht hatte, zeigt denn auch ein gemischtes Bild. Im Osten hatten damals immerhin 49 Prozent der Befragten die Unabhängigkeit der Ukraine unterstützt. Separatistische Ideen befürwortete in Ost und Süd damals nur  jeder zehnte Befragte.

          Wenn jetzt von einer Spaltung der Ukraine die Rede ist oder gar von einer Rückkehr zu Russland, wird es auf jene etwa 40 Prozent der Ukrainer ankommen, die sich damals nicht festgelegt hatten. Das Schicksal der Ukraine wird davon abhängen, ob sie sich in der gegenwärtigen Konfliktlage von „russischen“ Großmachtmythologien mobilisieren lassen, oder ob sie die neue Führung in Kiew davon überzeugen kann, dass in einer europäischen Ukraine auch sie willkommen sind.

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