https://www.faz.net/-gq5-7my65

Ost- und Westukraine : Sollbruchstelle durch ein ganzes Land

Bild: F.A.Z.

Jahrhundertelang gehörte der Westen der Ukraine nicht zu Russland. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg begann die Herrschaft Moskaus – mit Hunger, Terror und Massenmord. Im Osten sah die Lage anders aus: Analyse einer historischen Spaltung.

          Nicht nur auf der Krim, wo die Bevölkerungsmehrheit „russisch“ empfindet und russische Heldenmythen auf Schritt und Tritt gleichsam mit Händen zu greifen sind, ist in den vergangenen Tagen die Fahne Russlands gehisst worden. Auch in anderen Teilen des zweitgrößten europäischen Landes gehen pro-russische Demonstranten auf die Straße. Vor allem der industrialisierte Osten und der Süden der Ukraine sind Brennpunkte – die Stahl- und Kohle-Region Donbass mit der Millionenstadt Donezk, und das Industrie- und Universitätszentrum Charkiw, nach der Hauptstadt Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine. In Donezk wehte am Wochenende die russische Trikolore vom Gebäude der Regionalverwaltung.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist schon länger eine gängige These unter Historikern und Politikwissenschaftlern, dass die Ukraine, die sich erst 1991 von der Sowjetunion löste, im Falle einer Krise von der Spaltung bedroht sein könnte. Im mehrheitlich russisch sprechenden Osten und im Süden hat der Wille zur Unabhängigkeit viel weniger tiefe Wurzeln als im ukrainisch sprechenden Westen und in der Zentralukraine mit der Hauptstadt Kiew.

          Zwischen zwei Zivilisationen

          Der Politologe Samuel Huntington sah zwischen den ungleichen Teilen der Ukraine sogar eine jener Bruchlinien zwischen zwei „Zivilisationen“ verlaufen, an denen sich nach seiner düsteren Prophezeiung die Konflikte der Zukunft  entzünden würden. Dass Moskau diese Bruchlinie nutzen würde, um das  Land, das so lange zum russischen und dann zum sowjetischen Imperium gehörte, zu destabilisieren und in neue Abhängigkeit zu führen, ist schon seit einiger Zeit erkennbar gewesen.

          Zwar schien es lange, als setze der russische Präsident Putin darauf, mit wirtschaftlichem Druck und finanziellen Versprechen die gesamte Ukraine unter seine Kontrolle zu bekommen. Aber als „Plan B“ für den Fall, dass in Kiew der auf Unabhängigkeit bedachte „Majdan“ sich nicht würde besiegen lassen, haben russische Präsidentenberater wie Sergej Glasjew zuletzt immer schon von einer „Föderalisierung“ der an sich zentralstaatlich verfassten Ukraine gesprochen – die Formel wurde schnell als das erkannt, was sie war: als Drohung mit der Unterstützung separatistischer Tendenzen im Osten und Süden. Was in diesen Tagen geschieht, scheint nichts anderes zu sein als die Verwirklichung dieses Modells.

          Mit Gewalt und Hunger sowjetisiert

          Dass die verschiedenen Regionen der Ukraine so unterschiedlich zu Russland und zur eigenen nationalen Identität stehen, hat historische Ursachen. Der Westen, wo die ukrainische Sprache und das ukrainische Nationalgefühl am stärksten verwurzelt sind, hat über Jahrhunderte nicht zu Russland gehört, sondern zur Habsburger-Monarchie und dann zu Polen. Erst mit dem deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 begann hier die Herrschaft Moskaus – und da der Diktator Stalin sich mit Terror und Massenmord einführte, ist bis heute eine starke antirussische Note ein Grundelement des westukrainischen Nationalgefühls. In der Zentralukraine, wo Stalin in den dreißiger Jahren Millionen Menschen durch eine absichtsvoll organisierte Hungersnot  – den  „Holodomor“ – vernichtete, ist die Gefühlslage ähnlich.

          Weitere Themen

          Eine kleine Parade

          Kolumne „Bild der Woche“ : Eine kleine Parade

          Brest-Litowsk, September 1939: Truppen der Wehrmacht „übergeben“ die polnische Stadt an die Sowjetunion. In der es den „Hitler-Stalin-Pakt“ offiziell nicht gab. Dieses Foto aber macht ihn sichtbar.

          Topmeldungen

          G-7-Gipfel in Biarritz : Jetzt wird es ungemütlich

          Bislang hat Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Biarritz alles und jeden gelobt. Doch an diesem Sonntag stehen die weltweiten Handelskonflikte auf der Agenda. Die Stimmung dürfte frostiger werden – auch bei Angela Merkel.

          Bundesbankpräsident Weidmann : „Ich sehe keinen Grund zur Panik“

          Die Aussichten für die Konjunktur trüben sich ein. Bundesbankpräsident Weidmann hält einen Großeinsatz der Geldpolitik aber für falsch. Im Interview spricht er über den drohenden Abschwung, übertriebene Angst vor Inflation – und warum die Zinsen noch tiefer sinken können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.