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Flugzeugabsturz von Smolensk : Die Öffnung der Gräber

Gemeinsames Gebet am Grab des verunglückten polnischen Präsidenten Kaczynski in Krakau Bild: Wolfgang Eilmes

In Krakau beginnt die Exhumierung der Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk. Unter den Toten befand sich auch der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski. Geht es um Wahrheit oder die politische Ausschlachtung wilder Verschwörungstheorien?

          Irgendwann am Montag sollte die Aktion beginnen: In Polens einstiger Haupt- und Königsstadt Krakau, genauer: in der Kathedrale auf der Burg, dem Wawel, sollte laut Planung der Staatsanwaltschaft ein Sarkophag geöffnet werden. Staatspräsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria, die beide 2010 mit einem Regierungsflugzeug beim Landeanflug im Westen Russlands abstürzten, sollen für einige Tage in ihrer Totenruhe gestört werden. Sechs namhafte ausländische Rechtsmediziner, darunter eine Deutsche, sowie acht polnische Kollegen werden sich über die Leichname beugen. Wieder einmal wird ein ranghoher Politiker exhumiert: Einst waren es der argentinische Präsident Juan Perón (hatte er eine Tochter?), dann der Palästinenserführer Jassir Arafat (wurde er vergiftet?), jetzt ist es das Ehepaar Kaczynski.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Zum Politikum wird die Exhumierung vor allem durch den Umstand, dass im Laufe der nächsten Monate nicht nur das Präsidentenpaar, sondern alle 96 Passagiere der abgestürzten polnischen Tupolew untersucht werden sollen. Die Angehörigen von 17 der Opfer haben in einem offenen Brief dagegen protestiert, manche die von oben angeordnete Ausgrabung als „barbarisch“ bezeichnet. Die katholische Kirche übte sich in Zurückhaltung, auch wenn der Warschauer Erzbischof Kazimierz Kardinal Nycz sein Mitgefühl mit den betroffenen Familien ausdrückte.

          „Ursachen und Mechanismen der Todesfälle“

          Mit der Exhumierung verfolgen die Behörden vor allem zwei Ziele. Das sekundäre Ziel ist es, Klarheit zu schaffen, ob in den über ganz Polen verteilten Smolensk-Gräbern wirklich die Leichen oder Leichenteile liegen, die man dort vermutet. Bei der Identifizierung und Schließung der Särge in Moskau unter Mitwirkung der traumatisierten Angehörigen 2010 war es in der Tat zu Verwechselungen gekommen. Das kam ans Tageslicht, als in den Jahren 2011 und 2012 auf Wunsch der Familien erste Opfer exhumiert wurden.

          Das primäre und politisch brisante Motiv jedoch ist die Frage nach den „Ursachen und Mechanismen der Todesfälle“, die noch einmal aufgerollt wird. Zwar hatte die zuständige amtliche Kommission unter der polnischen Regierung Tusk die Verkettung von dichtem Nebel am Waldflugplatz Smolensk-Nord mit Pilotenfehlern als Ursache ausgemacht. Die Piloten standen unter hohem Erwartungsdruck: Die Delegation wollte landen, um mit per Zug angereisten Gästen aus Polen an einer Gedenkfeier für die Opfer des sowjetischen Massakers im nahegelegenen Katyn teilzunehmen. Eine schlampige Vorbereitung des Fluges auf polnischer Seite kam erschwerend hinzu. Doch im jetzigen Regierungslager sind die Zweifel an dieser Version weit verbreitet, ebenso wie das Misstrauen gegenüber den russischen Ermittlungsergebnissen. So ermitteln die Staatsanwaltschaften in beiden Ländern weiter.

          Moskau sät Misstrauen

          Einige Argumente der Zweifler sind zumindest erwägenswert: Dass der Waldflugplatz in einem ziemlich verwahrlosten Zustand war und die russischen Fluglotsen mit der Frage, ob sie einem ausländischen Präsidenten wegen Nebels die Landung verweigern sollten, überfordert waren, steht außer Frage. Der verzweifelte Funkverkehr der Fluglotsen bis hinauf nach Moskau ist offenbar gut dokumentiert. Seitdem hat Moskau einiges getan, um weiterhin Misstrauen zu säen: Die russischen Behörden haben eigenmächtig Untersuchungsergebnisse verkündet, während sie das Wrack der Tupolew und die Flugschreiber bis heute zurückhalten – angeblich als „Beweismaterial“ im laufenden russischen Verfahren. Derzeit beklagt Polens Staatsanwaltschaft ferner, dass Russland sich weigere, die beteiligten Fluglotsen vernehmen zu lassen. Jenseits aller Verschwörungstheorien über ein Attentat auf den polnischen Präsidenten gibt es also schon auf einer gleichsam technischen Ebene viele offene Fragen über mögliche russische Fehlleistungen.

          „Lasst uns das noch einmal untersuchen“, seufzte die Krakauer liberal-katholische Zeitschrift „Tygodnik Powszechny“, als sich die Exhumierungen abzeichneten. Entscheidend sei, in welchem Geist das geschehe: Gehe es dabei um die Wahrheitsfindung oder um einen politischen Zweck?

          Einer dieser Zwecke könnte darin liegen, Donald Tusk, dem Regierungschef zur Zeit des Absturzes und der ersten Ermittlungen, die politische Zukunft schwerzumachen. Sein damaliger Kanzleichef Arabski steht wegen der Smolensk-Besuchsvorbereitung bereits vor Gericht. Sollte es auch mit Tusk selbst so weit kommen, könnte das ein Schatten werfen auf die jetzt ventilierte Frage, ob er seine Amtszeit als EU-Ratspräsident verlängern darf. Aber auch wenn er nach Polen zurückkehren und 2020 in der nächsten Präsidentenwahl antreten sollte, wäre ein laufendes Verfahren eine schwere Belastung.

          Ludwik Dorn, einst Innenminister und lange Zeit als der „dritte Zwilling“ der engste Vertraute der Kaczynski-Brüder, vermutet, dass die Rache an Tusk heute das wichtigste Motiv im Handeln des Parteichefs Kaczynski ist.

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