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Wahlen in Finnland : Heimweh nach Helsinki

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Der frühere EU-Kommissar Olli Rehn steht vor einer Rückkehr in die finnische Politik. Viele halten ihn für den nächsten Wirtschaftsminister des Landes. Bild: dpa

Der frühere EU-Kommissar Olli Rehn kehrt nach vielen Jahren in Brüssel wieder in die finnische Politik zurück. Seine Zentrumspartei liegt in den Umfragen vorn. Am Sonntag wählen die Finnen.

          Um darüber zu sprechen, wie es ist, nach all den Jahren in der Brüsseler Kommission wieder bodenständigen Parlamentswahlkampf in der finnischen Heimat zu machen, hat sich Olli Rehn einen außergewöhnlich eleganten Ort ausgesucht. Er sitzt in der Brasserie des Luxushotels Kämp, umgeben von Marmorsäulen und Deckenfresken mit pausbäckigen Engeln. Seinen Mitarbeiter hat Rehn schon fortgeschickt, und zur Begrüßung erzählt er begeistert, wie der Komponist Jean Sibelius vor einem Jahrhundert mit Bewunderern in diesem Rahmen zu feiern pflegte, nachdem er das Sinfonieorchester dirigiert hatte.

          Es klingt, als habe Rehn ein wenig Heimweh gehabt. Vor genau zwanzig Jahren endete sein erstes Mandat im finnischen Parlament. Damals zog er nach Brüssel, wurde EU-Abgeordneter, Kabinettschef bei der Kommission und schließlich selbst EU-Kommissar. Zuerst kümmerte sich Rehn kurzzeitig um das Unternehmensressort, dann um die Erweiterung der Union und schließlich um Wirtschaft und Währung. Heute hält er in Brüssel ein EU-Abgeordnetenmandat und ist einer der 14 Vizepräsidenten des Parlaments.

          Der groß gewachsene Volkswirt Rehn bekam Spitznamen verpasst wie „Mr. Austerity“ (Herr Sparplan), weil er in der Euro-Krise mit seinem Rotstift über den Haushaltsplänen der Mitgliedstaaten mit ihren inzwischen mehr als 500 Millionen Bürgern hockte. Nun kehrt er heim, um den gut fünf Millionen eigenen Landsleuten aus der Patsche zu helfen. Rehn drückt das so aus: Die wirtschaftliche Situation in Finnland sei heute „eine noch größere Herausforderung“ als vor einem Jahr. „Ich möchte helfen, Finnland zu reparieren und zu reformieren - falls ich gewählt werde.“

          Zentrumspartei im Höhenflug

          Dass ihm der Einzug ins finnische Parlament gelingen wird, kann als sicher gelten. Die konservativ-liberale Zentrumspartei, der Rehn schon seit Studententagen angehört, liegt mit ihrem Spitzenkandidaten Juha Sipilä seit Wochen in allen Umfragen vorn. Wenige Tage vor der Parlamentswahl am Sonntag wollen 23 Prozent bei der aus dem ländlichen Milieu stammenden, aber längst auch bei der städtischen Mittelschicht angekommenen Partei ihr Kreuzchen machen. Das sind immerhin sechs Prozent Vorsprung vor den drei anderen großen Parteien, der konservativen Nationalen Sammlungspartei (17 Prozent), den Sozialdemokraten (17 Prozent) und den populistischen „Die Finnen“ (16 Prozent), die sich früher „Wahre Finnen“ nannten.

          Rehns Partei kehrt nach vier Jahren zu alter Stärke zurück. Im ersten Jahrzehnt der zweitausender Jahre stellte sie die stärkste Fraktion im Parlament und den Regierungschef in den finnlandtypischen Koalitionen, die stets im Dreieck der drei Starken wechselten und als Stützräder noch die kleine Schwedische Volkspartei, die Grünen oder die Christdemokraten einbanden. 2011 war die Zentrumspartei jedoch jäh auf den vierten Platz zurückgefallen und musste Stimmen unter anderem an „Die Finnen“ abtreten, die irgendwo zwischen Populismus und Rechtspopulismus, Euroskeptizismus und Europafeindlichkeit Wähler suchten und fanden. An diesem Sonntag scheinen manche der Protestwähler wieder zur Zentrumspartei zurückkehren zu wollen, andere zu den Sozialdemokraten.

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