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Oligarch Malofejew : Zurück zu Zar und Bismarck

„Nur die volle Unterstützung für Putin als Oberbefehlshaber ist echter Patriotismus.“ Oligarch Konstantin Malofejew glaubt, nur unter Putin könne Russland wieder zu alter Macht finden. Bild: Sergej Fvduyevskyi / Profil

Der russische Unternehmer Konstantin Malofejew engagiert sich für traditionelle Werte und Wladimir Putin - und für Separatisten auf der Krim. In die EU darf er deshalb nicht mehr. Trotzdem ist der Oligarch gut vernetzt. Und hofft in Deutschland auf die AfD.

          In Russland gebietet der Zar über ein Reich, dem sich mindestens die Ostukraine angeschlossen hat. Europas Völker haben sich von Brüssels Joch, Homosexuellen und Muslimen befreit, Christentum, Nationalstaat und neunzehntes Jahrhundert sind zurück. So sieht die ideale Welt des Konstantin Malofejew aus. In Moskau liegt er damit ganz auf Linie des Kremls. Doch auch in den Ländern der EU, auf deren Sanktionsliste Malofejew wegen Finanzierung von Russlands Separatisten in der Ukraine steht, hat er nach eigener Aussage viele Freunde, wirbt für Front National und AfD. Ganz im Sinne des Ersatzzaren, Russlands Präsidenten Wladimir Putin.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Malofejew – Anfang 40, stämmig, braunes Haar und Bart, blaue Augen, gestreiftes Hemd – empfängt über einer Hochglanzeinkaufspassage im Zentrum Moskaus. Mit dem Fonds Marshall Capital Partners mit Sitz auf den Cayman Islands ist er zu Geld gekommen. Jetzt heißt sein Unternehmen Zargrad, Zarenstadt. Einen Empfangsraum zieren Kupferstiche mit Porträts russischer Generäle aus dem „Vaterländischen Krieg“ gegen Napoleon, in Malofejews Büro glänzen Ikonen über dem Schreibtisch. Teppich dämpft die Schritte. Malofejews Weg führte vom Finanzinvestor zum Biofleischproduzenten, Hotelier, Planer historischer Erlebnisparks in Moskau und auf der Krim sowie Chef eines Fernsehsenders. „Die Tätigkeit von Zargrad  spiegelt die ideologische Richtung wider, in der ich Russland  sehen möchte“, sagt Malofejew. Ideologie statt Investment. Oder: Ideologie als Investment. Was Überzeugung ist und was Kalkül, bleibt unklar.

          Viele Vorwürfe und Berichte gilt es im Gespräch zurückzuweisen. Zu angeblichen finanziellen Vorteilen durch sein Engagement; zu Verbindungen in den Kreml; zum Krieg in der Ukraine. Malofejew erledigt das Zurückweisen routiniert und mischt in seinen Antworten Anklagen gegen Amerika und eine „Kiewer Junta“ mit Lobpreisungen für Putin. So klingt politische Korrektheit in dessen Russland.

          Zu dieser zählt, dass Malofejew „den einzigen Weg der Ukraine für ein glückliches Leben in der Zukunft“ in einer Vereinigung mit Russland sieht. Das sei leider nur für den östlichen Teil möglich, „weil die Westukrainer nicht wissen, welche Segnungen sie im Inneren des russischen Staates erwarten“, beklagt Malofejew. Zu dem, was er bestreitet, zählt die Unterstützung für die Separatisten. Man leiste nur humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in Russland, verteile Weihnachtsgeschenke,  bezahle die Behandlung kranker Kinder, zählt er auf. Malofejew bestreitet aber nicht seine Verbindungen zu ehemals führenden russischen Akteuren der Separatisten, die nun zurück in Moskau sind. Der Männer, die den Krieg in die Ostukraine trugen, für den Malofejew freilich die „Junta“ verantwortlich macht.

          Verbindungen zu Krim-Kämpfern

          Alexander Borodaj, im Sommer 2014 für einige Monate „Ministerpräsident“ der „Donezker Volksrepublik“, sei rund eineinhalb Jahre PR-Berater von Marshall Capital Partners gewesen, sagt Malofejew. Borodaj habe ihm seinen alten Bekannten Igor Girkin vorgestellt. Der habe sich um die Sicherheit der „Gaben der Weisen“ gekümmert, Reliquien aus Griechenland, die Anfang 2014 auf einer von Malofejews Stiftung „Basilius der Große“ finanzierten Tour durch Russland und die Ukraine Massen anzogen. Auch auf der Krim machten Malofejew, die Reliquien und seine Mitarbeiter Station. Als dort kurz darauf der Kreml-Aufstand losbrach, unterstützten Borodaj und Girkin Sergej Axjonow, den Führer einer Splitterpartei, der bis heute Moskaus Mann auf der Halbinsel ist.

          Girkin, Kampfname „Strelkow“, brachte dann mit einer Gruppe Kämpfer im April 2014 die ostukrainische Stadt Slawjansk unter Kontrolle. Noch bekannter wurde Girkin, als er am 17. Juli des Jahres den Abschuss eines ukrainischen Armeeflugzeugs im Internet feierte: „Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht in ‚unseren Himmel‘.“ Als klar wurde, dass ein malaysisches Passagierflugzeug, Flug MH17, getroffen worden war, distanzierte sich Girkin von der Mitteilung. Auf Veröffentlichungen des ukrainischen Geheimdienstes SBU soll Malofejew im Gespräch mit Girkin und Borodaj zu hören sein. Er wolle „die Traumfabrik des SBU“ nicht kommentieren, sagt Malofejew.

          Pressesprecherin rät, nicht von „erobern“ zu sprechen

          Sein Name wird mit der Idee von „Neurussland“ verbunden, für die 2014 russische Nationalisten in den Krieg zogen. Sie beinhaltet den Anschluss weiter Teile der östlichen und südlichen Ukraine an Russland, weit über die Krim hinaus und unter Rückgriff auf das Zarenreich. Putin selbst schien dem Expansionsprojekt zeitweise seine Weihen zu geben. Etwa, als er im September 2014 in einer Moskauer Kirche eine Kerze für diejenigen anzündete, „die gelitten haben, als sie die Menschen in Neurussland geschützt haben“. Heute, Tausende Tote später, heißt es, für den Kreml sei das Projekt „geschlossen“, aus seinen Fernsehsendern sind die Berichte über den Kampf gegen angebliche faschistische Wiedergänger verschwunden. Doch Girkin-Strelkow führt aus Moskau eine Bewegung namens „Neurussland“, mit gelegentlichen kritischen Tönen gegen Opportunisten und Wendehälse im Kreml.

          Malofejew distanziert sich von seinem früheren Angestellten. Der habe sich in Slawjansk und später „wie ein Held benommen. Aber er hätte eines Tages aus dem Krieg zurückkehren sollen“, sagt Malofejew. „Girkin sieht leider die Welt immer noch so, als wäre er noch in Slawjansk.“ Es wird Zeit für ein Lob: „Ich glaube, ohne Putin wird es kein Neurussland und keine Wiedergeburt in Russland geben. Nur die volle Unterstützung für Putin als Oberbefehlshaber ist echter Patriotismus.“  Zwar sei „Neurussland“ ein „sakraler Begriff“, da Russen einst die Gebiete „mit Schweiß und Blut“ für das Zarenreich erobert hätten. Er rufe aber nicht dazu auf, „diese Gebiete zu erobern“, sagt Malofejew. Dazu hat ihm seine Pressesprecherin geraten, eine elegante junge Frau mit goldfarbenem iPhone.

          Auch Malofejews Eintreten für die Monarchie als „einziger vernünftiger und gottgegebener Regierungsform“ hat keine subversiven Züge. Es geht ihm nicht darum, die Zarenfamilie Romanow wieder ans Ruder zu bringen, sondern um die Unterstützung der Russischen Orthodoxen Kirche, die eine feste Stütze von Putins Herrschaftssystem ist. „80 Prozent der Russen nennen sich orthodox, aber in die Kirche gehen nur fünf Prozent“, beklagt Malofejew. „Wenn 50 Prozent in die Kirche gehen, wird Monarchie zur Notwendigkeit.“

          Malofejew will Russlands schwere Wirtschaftskrise nicht als Bedrohung verstanden wissen: Putin sei noch beliebter geworden, je weniger das Öl koste. „Der niedrige Ölpreis stürzt Russland nicht ins Elend. Das ist eine Frage des Geistes.“ Auch den Ungeist verortet Malofejew konsequent dort, wo der Kreml seine Feinde sieht; er kennt ihn aus dem Urlaub. Malofejew erzählt, wie er vor einigen Jahren mit seiner Familie Disneyland in Kalifornien besucht habe. „Dort herrscht der Körperkult, es zählt nur das physische Leben, aber nicht das geistige.“ Zwei Wochen darauf sei er in Iran gewesen. „Ein enormer Kontrast: Alles war sehr still, die Leute waren gut ausgebildet, kannten viele Werke der Poesie auswendig. Wie in der Sowjetunion.“

          Randgruppen unter sich

          In Putins dritter Amtszeit als Präsident wird Russland als Hüterin konservativer Werte gegen einen dekadenten, schwulen, toleranten  Westen inszeniert: Glücklich, wer da von Putin regiert wird.  In diesem Ringen um Legitimation spielen Malofejew und Putins Weggefährte Wladimir Jakunin, der jahrelang, von Korruptionsvorwürfen unbehelligt, die Russischen Staatsbahnen führte, eine wichtige Rolle. Gemeinsam luden die Stiftungen der beiden Männer zum Beispiel im September 2014 zu einem Kongress namens „Große Familien und die Zukunft der Menschheit“ nach Moskau in den Kreml und die Christ-Erlöser-Kathedrale. Evangelikale und reaktionäre Gruppen aus Russland und westlichen Staaten schimpften einträchtig auf „Homosexuellenpropaganda“, Genderpolitik und Abtreibung. Damals wirkte das wie Randgruppen unter sich.

          Doch in der Flüchtlingskrise steigen die Chancen des Kremls, die Gruppen und Parteien in Europa zu stärken, welche die EU schwächen wollen. Mit ganz pragmatischen Vorteilen: Einzelne Staaten lassen sich leichter unter Druck setzen,  eine vereinte Haltung wie im Ukraine-Krieg gegen Russland würde unwahrscheinlich. Malofejew organisiert ideologischen Überbau und pflegt Kontakte zu den entsprechenden politischen Kräften. So richtete er Anfang Juni 2014 in Wien im Palais Liechtenstein eine Konferenz aus. Man feierte die „Heilige Allianz“ zwischen Russland, Preußen und Österreich von 1815 auf Grundlage von Gottesgnadentum und Restauration. Es kamen etwa Vertreter der FPÖ und des Front National. Ehrengast war Alexander Dugin, Vordenker eines „Eurasiens“ unter Putins Führung.

          Russland soll Europa nach Dugins Dafürhalten vor Liberalismus, Homosexuellen und „amerikanischer Dominanz“ retten. Mitglieder von Dugins „Eurasischer Bewegung“ kämpften in der Ostukraine. Der praxisnahe Gelehrte selbst rief in einem Video dazu auf, Vertreter der „Kiewer Junta“ zu „töten, töten, töten“. Mittlerweile ist Dugin „Chefideologe“ von Malofejews Fernsehsender, der ebenfalls Zargrad heißt. Mit Gehalt, Büro und eigener Sendung namens „Dugins Weisung“. Darin erläutert er zum Beispiel, die EU stehe für den Zwang, Migranten zu tolerieren, „die alles vergewaltigen, was ihnen unter die Augen kommt“. Dugin passe  „ideal“ auf seine Stelle, schwärmt Malofejew. Er habe als „brillanter russischer Philosoph der Moderne den Weg zu einer multipolaren, postamerikanischen Welt bereitet, an der wir jetzt arbeiten“.

          Die EU werde schneller zerfallen als die Sowjetunion

          Zu den Berichten, die Malofejew bestreitet, zählt auch einer, der ihn mit einem russischen Millionenkredit für den Front National in Verbindung bringt. Er bestreitet aber nicht seine Verbindungen zu der Partei. Jean-Marie Le Pen, deren Nicht-Mehr-Ehrenpräsidenten, habe er durch einen gemeinsamen Freund getroffen. „Ich kenne schließlich halb Moskau.“ Auch in der italienischen Lega Nord, der griechischen „Goldene Morgenröte“ und der britischen Ukip hat Putin Freunde; die Liste in lang. Russische Blogger haben für Moskaus Verbindungen den Ausdruck „schwarze Internationale“ geprägt, in Anlehnung an die frühere Komintern. Malofejew will sich lieber als Teil einer „weißen Internationale“ bezeichnen, um Anklänge an den Faschismus zu vermeiden. Man trete für die „Rückkehr eines christlichen Europas“ ein.

          Der Gedanke, Russland solle Europa retten, wurzelt im idealisierten neunzehnten Jahrhundert: „Dostojewskij meinte, dass Russen das alte Europa mehr lieben als die Europäer“, sagt Malofejew. „Das Europa, das die gottlose EU jetzt baut, mit Bürokraten, die niemand gewählt hat, und das aus Amerika geführt wird, lieben wir nicht.“ Mit der Flüchtlingskrise sieht Malofejew, ganz auf der Linie des russischen Staatsfernsehens, das Ende der EU gekommen. Die werde schneller zerfallen als einst die Sowjetunion. Auf die Frage, welche Partner er in Deutschland sieht, will Malofejew lieber von Sympathie sprechen, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er engagiere sich finanziell. Dann nennt er die AfD und lobt deren „prodeutsches“ Programm. „Ich brauche kein prorussisches Deutschland, ich will ein prodeutsches Deutschland.“

          Besonders hat es ihm das Führungsmitglied der Partei Alexander Gauland angetan, auch ein Freund des neunzehnten Jahrhunderts. So forderte Gauland kurz nach Gründung der AfD in einem Positionspapier zur Außenpolitik, dass „Elemente der Bismarckschen Rückversicherungspolitik gegenüber Russland gepflegt werden“ sollten. Im Ukraine-Krieg ergriff Gauland für Putin Partei, war Gast in der russischen Botschaft in Berlin und ist schon mit Malofejews Kollegen Jakunin bekannt: Beide nahmen im November 2014 an einem „Friedensgipfel“ in Berlin teil. Auf Einladung von Malofejews Stiftung reiste der brandenburgische AfD-Fraktionsvorsitzende im vergangenen Jahr mit einigen Abgeordneten nach Sankt Petersburg, diskutierte mit Vertretern der Macht. „Ich glaube“, sagt Malofejew, „die Auftritte Doktor Gaulands signalisieren, dass Deutschland wieder zu Deutschland wird, so wie Russland unter Putin wieder Russland wird.“

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