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NS-Raubkunst in Österreich : Schäbiger Streit um den Beethovenfries

Gustav Klimts Beethovenfries im Detail, hier die Darstellung „Die feindlichen Gewalten“ (Wollust, Unkeuschheit, Unmäßigkeit) Bild: Picture-Alliance

Wegen Klimts berühmten Kunstwerk ist in Österreich eine Debatte über die Rückgabe der von den Nationalsozialisten geraubten Kunst entbrannt. Es geht dabei auch um das Unrecht, das den früheren jüdischen Besitzern und deren Erben auch nach Kriegsende widerfuhr.

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          Das Verdikt, das Clemens Jabloner über Jahre österreichischer Restitutionspraxis ausgesprochen hat, lässt an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig. Die Republik, sagte der frühere Präsident des Verwaltungsgerichtshofes in Wien am vergangenen Freitag, habe sich „gegenüber der Familie Lederer in schäbiger Weise verhalten“. Es ging um die Frage, ob der berühmte Beethovenfries des Jugendstilkünstlers Gustav Klimt an die Erben des einstigen Besitzers zurückgegeben werden müsse, der einst von den Nationalsozialisten enteignet worden war.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Auf den ersten Blick überraschend entschied ein dazu eingesetzter Beirat mit Jabloner an der Spitze trotz dieser Aussage, dass die Republik Österreich das Kunstwerk behalten dürfe. Grundlage dieses außergerichtlichen Verfahrens war, dass Österreich seit den neunziger Jahren in Sachen Restitution umgesteuert hat und heute ein Recht hat, das weithin als vorbildlich gelobt wird. Anhand der Beethovenfries-Entscheidung allerdings hat sich nun Verfahrenskritik entzündet, die nicht nur von den unterlegenen Anwälten der Erben artikuliert wird.

          Einer der stärksten Identitätsstifter für Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der sogenannte Opfermythos oder, wie ihn der Historiker Oliver Rathkolb bezeichnet, „Opfernarrativ“ dar: Die Erzählung, dass Österreich das „erste Opfer Adolf Hitlers“ gewesen sei und somit keine Mitverantwortung an den Unrechtstaten des nationalsozialistischen Deutschen Reiches trage. Das ging so weit, dass Österreich in den fünfziger Jahren weit gehende Rückgabeansprüche gegenüber der Bundesrepublik Deutschland anmeldete, die Bundeskanzler Konrad Adenauer gegenüber dem damaligen österreichischen Staatssekretär Bruno Kreisky – laut dessen Erinnerungen – einmal sarkastisch so kommentiert haben soll: „So, österreichisches Eigentum in Deutschland? Wissen Sie, Herr Kreisky, wüsste ich, wo die Gebeine Hitlers zu finden sind, würde ich sie Ihnen liebend gern als österreichisches Eigentum zurückstellen.“

          Auf der anderen Seite zeigte sich das Nachkriegs-Österreich keineswegs erpicht darauf, zurückkehrende Juden, die noch ins Exil hatten entkommen können, wieder in ihr geraubtes oder abgepresstes Eigentum einzusetzen. Dass Rückkehrer nicht unbedingt willkommen waren, musste Kreisky am eigenen Leibe erfahren. Seine sozialistischen Parteifreunde in Wien versuchten aus kaum verhohlenen antisemitischen Gründen, seine Rückkehr aus dem skandinavischen Exil zu hintertreiben; erst 1950 bekam der SPÖ-Politiker wieder ein Amt in Wien (später sollte er es allerdings bis zum Bundeskanzler bringen).

          Rückgabegesetz kam nur auf Druck zustande

          Auf Druck der amerikanischen Besatzungsmacht wurde dann zwar doch ein Rückstellungsgesetz beschlossen. Es beschränkte sich vor allem auf Liegenschaften und nicht-liquidierte Firmen. Später wurde eine Grundlage dafür geschaffen, geraubte oder abgepresste Kunstwerke zurückzuerstatten. Doch die wurde zum Teil durch die Praxis konterkariert, dass die Sachen wegen ihrer kulturellen Bedeutung mit einem Ausfuhrverbot belegt wurden. Wer also nicht selbst wieder zurückkehren wollte, mochte restituiert worden sein, er hatte aber nichts davon. Unter diesem Druck kamen Einigungen zustande, nach denen Eigentümer Kunstwerke unter Wert an die Republik Österreich verkauften und im Gegenzug anderen Besitz dann endlich ausführen durften. 1998 hat Österreich ein Kunstrückgabegesetz geschaffen, mit dem man Raubgut aktiv auf die Spur kommen konnte. Und seit einer Novelle von 2009 können auch solche Fälle noch einmal betrachtet werden, in denen die Republik sich des Hebels des Ausfuhrverbotes bedient hatte. Und genau um diese Frage ging es nun auch bei dem Beethovenfries.

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