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Norwegische Fortschrittspartei : Vom Schmuddelkind zum Koalitionspartner

Das Schreckszenario ist verflogen

Hat sich die Fortschrittspartei unter dem Schock des Attentats wirklich vom fremdenfeindlichen Brandstifter zum liberalen Waisenknaben entwickelt? "Fremdenfeindlichkeit und Islamkritik sind zurzeit einfach nicht opportun", relativiert der Osloer Publizist Magnus Marsdal, der mehrere kritische Bücher über die Fortschrittspartei geschrieben hat, den Wandel. "Nur deshalb spielt die FRP diese Karte nicht. Aber sie hat sie noch im Ärmel stecken." Die Partei stecke schon jetzt in einem Dilemma, weil sie ohne die gewohnten rhetorischen Spitzen und die scharfe Islamkritik ihr Alleinstellungsmerkmal zu verlieren drohe, mit ihnen aber nicht als Koalitionspartner akzeptabel sei. In den Umfragen liegt die FRP nun bei rund 15 Prozent. Das ist deutlich weniger als vor vier Jahren, aber womöglich genug für den Sprung an den Kabinettstisch.

Die Frage sei aber, sagt Marsdal, wie lange Siv Jensen ihren moderaten Kurs nach einem Wahlsieg werde durchhalten können. Ein Schreckszenario wäre eine Regierung unter Einschluss der Fortschrittspartei indes für viele Norweger - und nicht nur für die FRP-Wähler - nicht. Sie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten schlicht an die etwas schrillere, skandalträchtige Stimme im politischen Konzert gewöhnt, das ihnen sonst zu sehr nach sozialdemokratisch geprägtem Konsenseinerlei klänge. Das Ressentiment gegenüber den Ausländern ist dabei häufig ein in Kauf genommener Unterton, der sich im Alltag schnell versendet. So stellt die Partei inzwischen in achtzehn Städten und Gemeinden des Königreichs den Bürgermeister. Der am längsten amtierende von ihnen, Terje Søviknes, ist schon seit 1999 Bürgermeister von Os, einer Gemeinde mit rund 15.000 Einwohnern an der norwegischen Westküste.

Bauernschlau am Fjord

Ein Besuch dort, in der atemberaubenden Fjordlandschaft, erklärt die allmähliche Ankunft der einstigen Skandalpartei in der Normalität besser als jedes Strategiepapier. Als Søviknes, inzwischen Mitte vierzig und immer noch jungenhaft, zum zweiten Mal mit mehr als vierzig Prozent der Stimmen wiedergewählt worden war, druckte die größte Wochenzeitung des Landes ein mehrseitiges Porträt über den "Zauberer von Os".

„Zauberer von Os“: Terje Søviknes, FRP-Politiker und seit 1999 Bürgermeister der Gemeinde Os an der norwegischen Westküste

Nach Magie klingt es jedoch nicht, wenn er über seine Amtsführung spricht, eher nach solidem Handwerk: Der örtliche Energieversorger wurde privatisiert, das Haushaltsdefizit ausgeglichen. Die Zahl der Gemeindeangestellten ist gesunken, die der Kindergartenplätze und Krankenhausbetten ist gestiegen. "Und wer ein Haus oder eine Garage oder einen Bootsanleger bauen will, hat bei uns keine Scherereien mit den Behörden", verspricht Søviknes. Dazu schiebt er sich Kautabak hinter die Oberlippe, auf dem Bürgermeisterparkplatz steht ein Skoda Octavia. Die Bodenständigkeit wirkt nicht einmal aufgesetzt. Hier ist die FRP die Partei der einfachen Leute, sogar die der zufriedenen einfachen Leute.

Und wie steht es um die Ausländer? Die Gemeinde nehme in der Tat Jahr für Jahr etwas weniger Asylsuchende auf als es die Zentralverwaltung in Oslo gern hätte, räumt der Bürgermeister ein. Dann macht er ein bauernschlaues Gesicht und schiebt nach: Nur so könne schließlich die Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft gelingen.

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