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Nordirland : Unter der Haut der Hass

Für und mit Union Jack: Loyalistische Demonstranten und Polizisten am 12. Januar in Ost-Belfast, wo es an dem Tag zu Krawallen kam Bild: AFP

Sogenannte Friedensmauern durchziehen Belfast. Auch in den Köpfen friedliebender Nordiren wird bis heute säuberlich zwischen „denen“ und „uns“ unterschieden.

          Seit heute Morgen hat Scott eine neue Tätowierung. Im Inner East Youth Project, seinem Jugendklub im protestantischen Osten von Belfast, beugt sich der drahtige junge Mann mit den kurzen blonden Haaren nach vorn, zieht Armeejacke und Pullover hoch und dreht dem Leiter des Clubs seinen nackten Rücken zu. „Du hast es wirklich machen lassen?“, fragt der. Auf der blassen, rund um die Nadelstiche noch leicht geröteten Haut prangt ein Militärwappen mit der „roten Hand von Ulster“ darin, einem nordirischen Symbol, um das sich unterschiedliche Legenden ranken. Ihnen ist gemein, dass die Hand vor langer Zeit jemandem abgeschlagen wurde. „36th Ulster Division“ steht darüber. „Die kämpfte in der Schlacht an der Somme“, erläutert Scott.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das war 1916, vor bald hundert Jahren. Doch in Nordirland sind Erinnerungen an Schlachten und Helden Bestandteil des Lebens, geht Liebe zum Vaterland unter die Haut. Auf Scotts Seite ist es das britische. Wenige Schritte von dem Jugendklub entfernt, jenseits der Albertbridge Road, ist es das irische. Scott zieht seine Jacke aus hellem Flecktarn zurecht, geht hinaus in den Regen und zündet sich eine Zigarette an. Er blickt über die Straße in Richtung der katholischen Enklave Short Strand. Deren Bewohner nennt er „die Leute auf der anderen Seite“. Er würde dort nicht hingehen. Schon gar nicht in dieser Jacke mit zwei Union Jacks, einem als Aufnäher am Ärmel und einem als Anstecker über dem Herzen. „Die würden mich verprügeln“, sagt er. Einige seiner besten Freunde aus dem Nachtklub, in dem er als Türsteher arbeitet, seien Katholiken - kein Problem im geschäftigen Zentrum oder im „Titanic Quarter“ rund um das neue Hochglanzmuseum für das Katastrophenschiff. Aber hier, in dieser „Schnittstellen“-Gegend, wo beide Bevölkerungsgruppen ganz nah beieinanderleben und einander über Jahrzehnte bekämpft haben, gelten andere Regeln. „Der Hass wird immer da sein“, sagt Scott. Und nun, da sich die Briten in Nordirland als „Bürger zweiter Klasse“ fühlen müssten, gehe er natürlich demonstrieren. Mit der ganzen Familie.

          Ahnungslose Jugendliche

          Anfang Dezember entschied der Stadtrat von Belfast, die britische Fahne nicht mehr das ganze Jahr über, sondern nur noch an 18 „ausgewählten“ Terminen wie Feiertagen oder Geburtstagen von Mitgliedern der königlichen Familie über dem Rathaus zu hissen. Seither kommt es in Nordirland immer wieder zu Demonstrationen aus den Reihen des protestantischen Teils der Bevölkerung. Die meisten Protestanten stehen nach wie vor hinter dem Karfreitagsabkommen von 1998, das eine Teilung der Macht mit der katholisch-republikanischen Seite brachte - und den Frieden. Aber bei der Flagge, die während der Jahrzehnte des Konflikts mit Tausenden Toten über dem Rathaus wehte, hört für viele Loyalisten die Kompromissbereitschaft auf. Sie lassen sich nicht mit dem Argument besänftigen, dass die neue Regel in anderen Teilen Nordirlands schon zuvor galt und im übrigen Vereinigten Königreich ohnehin. Viele sehen es wie Scott, der sagt, die Flaggen-Entscheidung sei nur der „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“. Sie beschweren sich, dass nur Verbrechen des britischen Staates untersucht würden, erzählen von einem Platz, der nach einem verurteilten Mörder der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) benannt wurde, sehen ihr Recht auf „Britischsein“ bedroht. Scott stört sich auch an einem Weihnachtsgruß auf Gälisch am Rathaus: „Alberne Dinge, aber sie haben eine große Bedeutung.“

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