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Niederlande in Trauer : „Wir sind fassungslos“

Unfassbares Geschehen: Angehörige am Flughafen Schiphol in Amsterdam Bild: AP

In den Niederlanden herrschen nach dem Flugzeugunglück in den Ukraine Bestürzung und Entsetzen. Mindestens 173 Niederländer sind unter den Todesopfern des Fluges MH17.

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          Am Tag nach der Schreckensnachricht stehen die Niederlande unter Schock. Mindestens 173 der 298 Todesopfer der Unglücksmaschine er Malaysia Airlines waren niederländische Staatsangehörige. Vielevon ihnen waren auf dem Weg in den Sommerurlaub. An Bord befanden sich aber auch Geschäftsleute sowie eine Reihe von Wissenschaftlern, die an einer internationalen Aids-Konferenz im australischen Melbourne teilnehmen wollten.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          An allen öffentlichen Gebäuden im Land der Polder und Windmühlen waren die Fahnen am Freitag auf Halbmast gesetzt. Ministerpräsident Mark Rutte brach seinen Urlaub in Süddeutschland ab und kehrte in die Heimat zurück. Dort bezeugte er den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl. Er sagte eine umfassende Aufklärung der Umstände des Unglücks zu. Auch das Königshaus warf seine Planungen um. Ein für Freitag geplanter Fototermin, der für unbeschwerte Strandbilder von König Willem-Alexander und Königin Máxima mit ihren drei Töchtern zu Urlaubsbeginn sorgen sollte, wurde abgesagt. In einer Stellungnahme des Königs hieß es: „Wie alle in den Niederlanden verfolgen meine Frau und ich die Nachrichten sehr genau. Unsere Gedanken sind bei den Familienangehörigen, Freunden, Kollegen und Bekannten der Opfer.“

          Beileidsbekundungen vor der niederländischen Botschaft in Kiew am Donnerstagabend

          Während auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol die Passagiere für den wie gewohnt zur Mittagszeit geplanten Start einer Maschine der Malaysia Airlines, abermals mit Flugnummer MH 17, nach Kuala Lumpur eincheckten, kümmerten sich in einem nahegelegenen Hotel Psychologen um verzweifelte Angehörige der Todesopfer. Fernseh- und Hörfunksender berichten unentwegt über den letzten Stand der Erkenntnisse am Unglücksort und in der Heimat.

          Beileidsbezeugungen im Sekundentakt

          Die Schlagzeilen auf den Titelseiten der Zeitungen sprechen für sich: „298 Tote“ (De Telegraaf), „Unter Schock (AD), „Eine der schlimmsten Flugzeugkatastrophen in der niederländischen Geschichte“ (Volkskrant) oder  „Mit Sicherheit 154 Niederländer bei Flugzeugkatastrophe ums Leben gekommen“ (Trouw). Auf den Kondolenzregistern im Internet erscheinen fast im Sekundentakt neue Beileidsbezeugungen. Auf der Website „condoleance.nl“ hatten schon über Nacht mehrere  tausende Niederländer versucht, ihre Trauer in Worte zu fassen. „Ein fröhlicher Abschied wird ein letzter Abschied. Das ist abscheulich“, lautete einer der Einträge. An anderer Stelle hieß es: „Wir sind fassungslos. Es lässt sich nicht mit Worten ausdrücken. Was treibt die Menschheit um mit all den unsinnigen Kriegen?“

          Fordern Aufklärung: der niederländische Anti-Terrorismus-Koordinator Dick Schoof, Ministerpräsident Mark Rutte und Justizminister Ivo Opstelten (von links)

          Regierungschef Rutte hatte sich nach seiner Rückkehr in die Heimat bestürzt geäußert. „Dieser prächtige Sommertag endet in jeder Hinsicht tiefschwarz“, sagte der liberale Politiker nach einer Krisensitzung im niederländischen Justizministerium. Er wollte sich nicht auf Spekulationen einlassen, wer für die Katastrophe verantwortlich sei. Im Vordergrund stehe jetzt das Schicksal der Todesopfer, nicht nur der Niederländer, sowie das Anrecht ihrer Angehörigen auf umfassende Aufklärung.

          Das unglaubliche Glück des Maarten de Jonge

          Es gab an diesem Trauertag aber zumindest einen glücklichen Menschen, unter ihnen der 29 Jahre alte Maarten de Jonge. Um ein Haar wäre auch der niederländische Radrennfahrer unter den Passagieren der Unglücksmaschine gewesen. Der bei einem malaysischen Radrennteam beschäftigte 29 Jahre alte Profi, der einige Tage in der Heimat verbracht hatte, wollte eigentlich den Flug MH17 nehmen. Kurzfristig hatte er sich dann jedoch dazu entschlossen, einen späteren und billigeren Flug der niederländischen Gesellschaft KLM zu buchen.

          Für de Jonge hat sich die Schicksal damit zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten glücklich gefügt. Im März hatte er sich in letzter Minute dafür entschieden, nicht die Unglücksmaschine MH 370 der Malaysia Airlines zu nehmen, ebenfalls eine Boeing 777, die spurlos im Indischen Ozean verschwunden ist und 239 Menschen an Bord hatte. De Jonge will nun am Sonntag nach Kuala Lumpur fliegen. „Ich habe nun schon zweimal Glück gehabt, das wird beim dritten Mal auch gutgehen“, sagte der de Jonge dem regionalen Fernsehsender RTV Oost.

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