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Niederlande : Die entfesselte Monarchin

Noch ein paar Jahre vor der Amtsübergabe: Beatrix und ihr Mann Claus 1967 mit Willem-Alexander Bild: picture-alliance / dpa

Wenn Beatrix I. Ende April ihr Amt an ihren Sohn übergibt, wird aus der Königin wieder eine bloße Prinzessin. Als solche will Beatrix vermehrt in der Öffentlichkeit auftreten. Sie hat nie verheimlicht, dass sie die Zurückhaltung, die ihr das Amt auferlegte, als Fessel empfand.

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          Die Niederländer sind keine Briten. In einem Land, dessen Bürger einander von Extravaganzen gern mit der Parole „Du bist schon verrückt genug“ abraten, schwappt monarchistische Begeisterung nur selten über die Deiche in den Köpfen. Der Königinnentag am 30. April jedoch ist jungen, nicht übermäßig traditionsverhafteten Amsterdamern seit Jahrzehnten ungefähr genauso wichtig wie den letzten calvinistischen Königstreuen des Landes.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Zusammen mit dem wenige Tage später zelebrierten Gedenken zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist der königliche Geburtstag das, was in den Niederlanden einem Nationalfeiertag am nächsten kommt. Während also Abertausende mit Oranje-Fähnchen in jener Provinz, die gerade an der Reihe ist, den Weg der Königlichen Familie säumen und allüberall Kinder auf Gehsteigen mit Flohmarktständen ihr Taschengeld aufbessern, wird in Amsterdam aus jeder zweiten Grachtenbrücke eine Freiluftdiskothek, notfalls auch im Dauerregen. Hauptsache orange.

          Für manche Niederländer ist das nun die wichtigste Veränderung: Aus Königinnentag wird Königstag, und statt am 30. April wird künftig am 27. April gefeiert. Denn während Beatrix bei dem Datum blieb, an dem ihre Mutter Juliana das Licht der Welt erblickt hatte, um die Wetterfestigkeit ihrer Untertanen nicht an ihrem eigenen Geburtstag Ende Januar zu strapazieren, ist Willem-Alexander 1967 am 27. April geboren worden.

          Historische Reue imponierte den Bürgern

          Er war gerade dreizehn Jahre alt geworden, als Großmutter Juliana vom Balkon des Königspalastes im Herzen von Amsterdam zugunsten seiner Mutter abdankte - Worte, die damals beinahe untergingen im Krawall von Hausbesetzern, die das Fest als größtmögliche Bühne für ihren gesellschaftlichen Aufstand nutzten.

          Nun hat der Bürgermeister der Hauptstadt zwar wieder ein „unvergessliches“ Fest für den 30. April angekündigt. Viel spricht dafür, dass es diesesmal vor allem ein Schönes wird. Einer Wiederholung der Tumulte steht schon die Verbürgerlichung von Amsterdam entgegen, in dessen Innenstadt die (gerne auch linksliberale) Bourgeoisie die „kraker“ längst vertrieben hat.

          Vor allem aber gibt es kaum einen Niederländer, der Königin Beatrix, die wieder Prinzessin wird, oder Prinz Willem-Alexander, der neuer König wird, böse gesinnt wäre. Damals, anno 1980, hatten viele Bürger noch nicht verwunden, dass Beatrix gut zwanzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Besatzung ausgerechnet einen Deutschen geheiratet hatte. Doch die historische Reue, die Claus von Amsberg zeigte, imponierte den Niederländern so sehr, dass die Ehe mit dem Deutschen auch zur langsam gewachsenen Sympathie für die Königin beitrug.

          Das ganze Land trauerte

          Als die Depressionen ihres Gemahls nicht mehr zu verbergen waren und Prinz Claus schließlich 2002 verstarb, trauerte das ganze Land. In ihrer dreiminütigen Fernsehansprache, in der die am Donnerstag das 75. Lebensjahr vollendende Königin am Montagabend ihre Abdankung für den 30. April ankündigte, würdigte sie ihren verstorbenen Mann noch einmal als „große Stütze“.

          Ansonsten hütete sich Beatrix - wie immer - vor Gefühlsregungen. Es hatte lange gedauert, bis die Niederländer ihre abgehobene, etwas stolz-steife Art genauso zu schätzen wussten, wie sie die Leutseligkeit von Königin Juliana gemocht hatten. Noch lange nach Beatrix’ Thronbesteigung freuten sich viele Niederländer an jedem Königinnentag aufs Neue darüber, dass sie nicht den Geburtstag des amtierenden Staatsoberhaupts, sondern den von dessen Mutter feiern konnten. Erst 24 Jahre nach ihrer Abdankung starb Juliana im Jahr 2004.

          Der Kronprinz, der nicht als Willem IV., sondern als Willem-Alexander I. firmieren möchte, wird sich schon deshalb bang fragen, ob sich die Geschichte zwangsläufig wiederholt. Schließlich erfreut sich seine Mutter, wie sie in ihrer Ansprache hervorhob, bester Gesundheit - trotz des Schicksalsschlags vor knapp einem Jahr, als ihr Sohn Johan Friso beim Skifahren in Österreich verunglückte und in ein Koma fiel, aus dem er wohl nicht mehr erwachen wird. Zwar hat Beatrix darauf verzichtet, künftig den Titel „Königin Mutter“ zu tragen.

          Zaghafte Beschränkung der Monarchie

          Aber sie hat angekündigt, eher mehr denn weniger als bisher in der Öffentlichkeit aufzutreten. Vergleiche mit ihrer Regentschaft werden Willem-Alexander als König also beinahe zwangsläufig verfolgen. Die Vorzeichen aber dürften umgekehrt sein: Willem-Alexanders Auftritte werden eher daraufhin überprüft werden, ob er nicht zu salopp und jovial die Würde des Königshauses verspiele, welche die oft unnahbare Beatrix so eisern bewahrt hat.

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