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Niederlande : Das vergessende Dorf

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Die Einteilung in Lebensstilgruppen hat der Leitung von „De Hogeweyk“ den Vorwurf eingetragen, zwischen Arm und Reich zu trennen - doch der Aufenthalt ist für alle gleich teuer, von kleinen zubuchbaren Extras abgesehen. Die staatliche Sozialversicherung zahlt 5250 Euro im Monat für jeden Patienten, bei dem eine schwerwiegende Form der Demenz diagnostiziert wird - andere werden in „De Hogeweyk“ nicht aufgenommen. Die Erfahrungen mit dem „Lebensstil“-Konzept sind gut, und die Menschen leben sogar länger: Das durchschnittliche Alter beim Einzug in „De Hogeweyk“ liegt bei 83 Jahren. Nach durchschnittlich 3,4 Jahren (das ist ein halbes Jahr länger als in den meisten niederländischen Altenheimen), sterben die Patienten. Auch palliativmedizinische Versorgung ist möglich; den Umzug in ein Krankenhaus will man den alten Menschen ersparen.

Nachahmer aus Deutschland

“Die Herausforderung der kommenden Jahre ist, dass wir mehr demente alte Menschen haben werden, und dass ihre Lebensstile sich weiter individualisieren“, sagt Jannette Spiering. In Deutschland leben bereits heute etwa 1,3 Millionen Demenzkranke, und bis zum Jahr 2050 wird sich diese Zahl vermutlich verdoppelt haben. Kein Wunder, dass das Interesse an „De Hogeweyk“ groß ist. Im rheinland-pfälzischen Alzey hat sich bereits ein Investor ein kommunales Grundstück reserviert, um eine ähnliche Anlage zu errichten. Auch das Deutsche Rote Kreuz, Kreisverband Düsseldorf, hat Interesse. Selbst eine Delegation des Bundestages war bereist zu Gast in Weesp. In Deutschland ist durch das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz seit Januar 2013 die Förderung von Wohngruppen für Demenzkranke besser geworden. Mit Zuschüssen von etwa 2000 Euro pro Monat aus der Pflegeversicherung rechnen die Investoren in Alzey. Damit müssen sie allerdings auch die Baukosten finanzieren. In „De Hoogeweyk“ betrugen sie 19 Millionen Euro; 17 Millionen zahlte der Staat. Zwei Millionen Euro für die großzügigen Gemeinschaftseinrichtungen kamen durch Sponsoren zusammen.

Weil die beschauliche Parallelwelt von „De Hogeweyk“ so wenig nach Krankheit aussieht, könnte man meinen, dass die Angehörigen vielleicht häufiger zu Besuch kommen als in einem Pflegeheim alten Stils. Da winkt Jannette Spiering traurig ab: „Manche denken auch, dass sie sich nun weniger kümmern müssen, weil sie ihre Angehörige hier gut aufgehoben wissen.“ Um eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen, bittet sie alle Angehörigen um ein „Lebensbuch“ mit Fotos des Patienten und seiner Familie. Neuerdings können die Angehörigen auch die Lieblingsmusik des Bewohners auf einen iPod spielen. Aber nur weniger als die Hälfte der Angehörigen macht sich diese Mühe. Und sogar die Besuchshäufigkeit ist schichtspezifisch: Die einfachen Leute bekommen mehr Besuch als die in den „gehobenen“ Lebensstilen.

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