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Niederlande : Das vergessende Dorf

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Gestaltete Gärten

In den Häusern gelangt man vom Eingangsbereich mit Gäste-WC in ein großzügiges, mit Parkett ausgelegtes Wohnzimmer, an das sich eine zumeist halboffene Küche anschließt. Vom Wohnzimmer geht ein weiterer Flur ab, der zu den sechs Schlafzimmern und zwei Bädern führt. Erst die Einzelzimmer mit Linoleumboden, Waschbecken und Pflegebett erinnern an ein Heim. Dass nicht jedes Zimmer ein eigenes Bad hat, ist eine pragmatische Entscheidung: „So viele Bäder zu bauen ist sehr teuer. Privatsphäre bei der Hygiene erreichen wir auch dadurch, dass wir die Tür des Badezimmers schließen“, sagt Jannette Spiering. Bei der Gestaltung der Außenanlagen wurde das Budget hingegen großzügig ausgenutzt: Jedes Haus hat eine Terrasse oder einen Balkon mit Sitzgruppe und Markise. Es gibt einen Innenhof mit kleinen Bäumchen, Kopfsteinpflaster und einem Outdoor-Schachspiel. Auf der anderen Seite des Geländes findet sich ein malerischer Garten mit Teich, Blumenrabatten, Bäumen und Büschen.

Von jeder Wohnung aus hat man den Blick auf eine Freifläche, die zu dem Lebensstil seiner Bewohner passt. Keine Wohnung ist wie die andere, denn in „De Hogeweyk“ gibt es sieben vordefinierte „Lebensstile“, nach denen die Wohnungen eingerichtet sind. Die Patienten werden bei ihrer Anmeldung einem der Lebensstile zugeordnet. Dafür füllen ihre engsten Angehörigen bei der Anmeldung ein Online-Formular mit 44 Fragen über ihre Gewohnheiten und Vorlieben aus. Die Marktforschungsagentur „Motivaction“ hat dieses Lebensstilmodell entwickelt. Niemand passt dabei nur in einen Stil, sondern es gibt Mischformen. „Aber am Ende finden wir immer den Stil, der zu jemandem am besten passt, und nur wenige Male haben wir jemanden in eine andere Wohngruppe versetzt, damit er sich wohl fühlte.“ Die Erkenntnis ist: Wenn ältere Menschen mit ähnlichen Interessen und Eigenschaften zusammenleben, gibt es weniger Streit. Wenn sie ihren alten Gewohnheiten folgen können, sind sie weniger ängstlich und verwirrt. Wenn sie ihren Bewegungsdrang ausleben können, bleiben sie länger körperlich fit. Die praktische Folge ist: Der Konsum an Medikamenten und Psychopharmaka sinkt.

Sieben Lebensstile 

Im „handwerklichen“ Stil von „De Hogeweyk“ leben überwiegend Männer, es gibt deftiges Essen und vor dem Eingang des Hauses stehen ein Hasenstall und eine Werkbank, die auch benutzt wird. Man steht recht früh auf und isst zeitig zu Abend, gern mit einem Bier. Ähnlich (aber weiblicher) ist der „häusliche“ Lebensstil, mit gehäkelten Tischdeckchen, gemütlichen Ohrensesseln und gedrechselten Möbeln aus Eiche. Der „urbane“ Lebensstil ist darauf angelegt, gute Kontakte mit der Nachbarschaft zu pflegen: Hier öffnen sich die Haustüren auf einen kleinen Platz voller Bänke. Der „indonesische“ Lebensstil zeichnet sich dadurch aus, dass schon morgens Reis gekocht wird und die Wohnküche das Zentrum des Hauses ist. Zur Dekoration des Hauses gehören bunte Stoffe und exotische Pflanzen. Auch ist es hier zwei Grad wärmer, weil die Bewohner gern barfuß laufen. In den Wohnungen des „gehobenen“ Stils ist die Küche hinter einer halbhohen Trennwand verborgen. Die Pflegekräfte, die keine weißen Kittel tragen, werden trotzdem „Mädchen“ genannt, als seien sie Bedienstete. Es hängen Kronleuchter unter der Decke, man blickt auf gestreifte Seidentapeten, benutzt gestärkte weiße Tischdecken, geht häufiger essen, steht später auf. Am Nachmittag wird der High Tea serviert. Gegen einen Aufpreis bekommen die Bewohner täglich frische Blumen. Der „christliche Lebensstil“ ist dadurch gekennzeichnet, dass die Bewohner gemeinsam beten und geistliche Musik hören. Einmal in der Woche kommt ein Pastor, der im Theatersaal predigt - dazu sind alle Bewohner eingeladen. Der „kulturelle“ Lebensstil zeichnet sich aus durch moderne Kunst an den Wänden, Regale mit Büchern, ein Zeitungsabonnement und ein Glas Wein am Abend.

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